Bei dem Versuch, Christa Pike mit einer Giftspritze hinzurichten, scheiterte die Verabreichung des Medikaments mehrfach. Die 50-Jährige überlebte und befindet sich in einem kritischen Zustand im Krankenhaus.
Archivaufnahme von Christa Pike APA / AFP / Handout
03.10.2026 um 20:08
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Nach der gescheiterten Hinrichtung der US-Amerikanerin Christa Pike per Giftspritze tritt der Leiter der Strafvollzugsbehörde von Tennessee zurück. Frank Strada werde das Amt in diesem Monat niederlegen, gab der Gouverneur des US-Südstaates, Bill Lee, am Samstag bekannt. Strada erklärte, sein Rückzug sei „im besten Interesse der Bevölkerung von Tennessee“. Der Republikaner Lee ordnete zudem eine unabhängige Untersuchung an.
Pike sollte am Mittwoch (Ortszeit) hingerichtet werden, überlebte allerdings zwei Giftspritzen. Die 50-Jährige war nach Angaben ihrer Anwälte zuletzt weiter bewusstlos und an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Das Krankenhauspersonal arbeite daran, ihr Leben zu retten und das verabreichte Pentobarbital aus ihrem Körper zu entfernen, schrieben die Anwälte.
Der Rücktritt des Gefängnisdirektors folgt auf Tage wachsender Kritik an der Qualifikation und Ausbildung des an Hinrichtungen in Tennessee beteiligten Personals. US-Medien warfen Fragen sowohl zu Stradas Rolle als auch zu dem an der Hinrichtung beteiligten Arzt auf. Der zuständige Arzt war nach Berichten unter anderem der „New York Times“ und des lokalen Fernsehsenders WSMV auch an einem anderen gescheiterten Hinrichtungsversuch in Tennessee beteiligt. Im Mai hatten Mitarbeiter bei einem anderen verurteilten Straftäter zwar zunächst einen intravenösen Zugang gelegt, scheiterten aber an einem vorgeschriebenen zweiten. Auch dem Arzt gelang es anschließend nicht, einen zentralen Venenkatheter zu legen. Die Hinrichtung wurde abgebrochen.
Schon danach gab es Zweifel an dessen Erfahrung mit solchen Eingriffen. In einer eidesstattlichen Aussage sagte der Allgemeinmediziner, er habe in seiner Laufbahn etwa ein Dutzend oder mehr zentrale Zugänge gelegt – den letzten allerdings ungefähr 2013. Bei einem früheren Eingriff sei ein Führungsdraht versehentlich in einer Halsschlagader gelandet. Ein von Pikes Verteidigung beauftragter Anästhesiologe kam vor ihrer Hinrichtung zu dem Schluss, er verfüge nicht über die fortlaufende praktische Erfahrung, die medizinische Einrichtungen üblicherweise für solche Eingriffe verlangen.
Am Donnerstag hatte Pikes Anwalt Randy Spivey erklärt, das Personal habe bei der versuchten Hinrichtung etwa eine Stunde erfolglos versucht, einen intravenösen Zugang zu legen. „Ich zählte allein in ihrem linken Arm mindestens sieben Nadeln“, sagte Spivey. Laut Gerichtsantrag war eine davon beim Herausziehen um 90 Grad verbogen.
Während der Prozedur habe man Pike weinen gehört. Sie habe laut geatmet und gesagt: „Mein Arm fühlt sich an, als würde er gleich aufplatzen“. Ein anderes Mal habe sie gefragt, ob das normal sei. Bei der Einlieferung ins Krankenhaus seien beide Arme der 50-Jährigen „geschwollen, verbrannt und mit Blasen übersät“ gewesen. Sachverständige werden in dem Antrag zitiert, wonach das injizierte Pentobarbital stark alkalisch sei und bei Kontakt Verbrennungen an Haut, Gewebe und Venen verursache. Während der Hinrichtung habe sich ihr rechter Arm laut ihren Anwälten violett verfärbt.
Mit der Hinrichtung betraute Personen bemerkten laut Angaben der Anwälte offenbar nicht, dass das Gift „ganz oder teilweise“ in das umliegende Gewebe statt in Pikes Venen gelangte. So wurde entschieden, der verurteilten Mörderin eine weitere Dosis Pentobarbital zu verabreichen.
Gouverneur Lee setzte nach dem Vorfall alle weiteren Hinrichtungen für den Rest des Jahres aus und ordnete eine umfassende Untersuchung durch eine externe Stelle an. Es ist offen, ob und unter welchen Bedingungen der Staat noch einmal versuchen könnte, das Todesurteil zu vollstrecken.
Pike selbst fürchtete nach Angaben ihrer Anwälte nicht den Tod an sich, sondern einen „langwierigen, qualvollen, traumatischen Tod“. Aber genau das sei nun passiert – „nur ohne den Tod“, sagten Pikes Anwälte Randy Spivey und Stephen Ferrell auf einer Pressekonferenz. Als Überlebende sexuellen Missbrauchs habe Pike Angst davor gehabt, über einen längeren Zeitraum festgehalten und mit Nadeln gestochen zu werden, während sie möglicherweise ihr Trauma wieder durchlebe.
Für Tennessee ist es bereits der zweite gescheiterte Hinrichtungsversuch innerhalb weniger Monate. Im Mai hatte der Staat die Hinrichtung des Gefangenen Tony Carruthers abbrechen müssen, nachdem es nicht gelungen war, die erforderlichen intravenösen Zugänge zu legen. Anders als bei Pike wurde ihm das tödliche Medikament damals jedoch nicht verabreicht.
Mehrere Kampagnen hatten versucht, den geplanten Vollzug vom 30. September aufzuhalten. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International betonte, dass Pike während ihrer Kindheit Vergewaltigung, sexuelle und körperliche Gewalt, Misshandlung und Vernachlässigung erlitten hatte. Auch Experten der Vereinten Nationen hatten einen Stopp der Hinrichtung gefordert. Auch der Sprecher von UNO-Generalsekretär António Guterres äußerte sich zu den Entwicklungen in dem Fall. „Wir vertreten den Standpunkt, dass es die Todesstrafe nicht geben sollte“, sagte der Sprecher auf eine entsprechende Frage von Journalisten. Dazu hätten sich die Vereinten Nationen stets sehr offen geäußert, „unabhängig davon, in welchem Land sie noch besteht.“
Die Todesstrafe ist in mehr als zwei Dutzend der 50 US-Bundesstaaten zugelassen, allerdings wird sie vielerorts de facto nicht mehr vollstreckt. Laut Death Penalty Information Center wurden in den USA im laufenden Jahr bis zum 24. September 28 Straftäter hingerichtet. Neben Hinrichtungen mit der Giftspritze sind in den Vereinigten Staaten auch Vollstreckungen der Todesstrafe durch den elektrischen Stuhl oder – seltener – per Erschießungskommando üblich. Pike war 1996 für den Mord an der 19 Jahre alten Colleen Slemmer zum Tode verurteilt worden. Sie selbst war zum Tatzeitpunkt 18 Jahre alt. 1995 hatten drei Teenager das Opfer in einem abgelegenen Gebiet nahe der University of Tennessee in Knoxville gefoltert und getötet.
Nach Angaben der gemeinnützigen Organisation Death Penalty Information Center ist Pike die Einzige der drei, die zum Tode verurteilt wurde. Ihr damaliger Freund war zum Zeitpunkt der Tat 17 Jahre alt und erhielt eine lebenslange Haftstrafe. Eine weitere 18-Jährige wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.
In Europa meldete sich die Präsidentin der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, Petra Bayr, zu dem Fall zu Wort: „Ein Staat, der tötet, verliert seine moralische Autorität. Die gescheiterte Hinrichtung in Tennessee zeigt das in aller Brutalität“ erklärte die Nationalratsabgeordnete und Außenpolitische Sprecherin der SPÖ am Samstag in einer Aussendung. „Die Todesstrafe schreckt nicht ab. Sie bringt kein Opfer zurück. Und ein Fehlurteil lässt sich nicht korrigieren, wenn der Mensch tot ist.“ (APA/dpa)