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In Europa ist das Wort Wachstum scheinbar auf der Liste der bedrohten Begriffe gelandet. Doch es kann auch anders gehen. Mit welcher Strategie die Vienna Insurance Group (VIG) wächst und in die kommenden Jahre startet und welche Werte und Prinzipien es braucht, um als europäische Gruppe am Markt erfolgreich zu sein, besprach Michael Köttritsch, „Die Presse“, mit Hartwig Löger, CEO der VIG.
Wie die meisten anderen Branchen sind Versicherungen ebenfalls von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen jener Märkte abhängig, in denen sie operieren. „Wir partizipieren am Wirtschaftswachstum in den Staaten, in denen wir tätig sind. Wir sehen gedämpfte, aber auch dynamische Wachstumsmärkte“, umreißt Löger die aktuelle Situation, „Unsere Positionierung in Zentral- und Osteuropa entwickelt sich aber erfreulicherweise sehr positiv und wir unterstützen das Momentum mit zielgerichteten Aktivitäten, wobei wir strategische Potenziale nutzen.“ Eine solche strategische Entscheidung war die Akquise der Nürnberger Versicherung, wobei das Closing rascher erfolgte als erwartet: „Damit haben wir die Chance, die Nürnberger Versicherung noch schneller in unsere Gruppe zu integrieren.“
Löger unterstreicht, dass die Nürnberger Versicherung perfekt zur VIG passt. „Unser Gruppenverständnis ist, die starken regionalen Marken in ihren Ländern nicht nur zu behalten, sondern zusätzlich noch entsprechend zu stärken“, erläutert der Manager, „Die Nürnberger selbst verfügt als Versicherer über 140 Jahre Tradition in Deutschland und deckt nicht nur regional vom Standort Nürnberg aus Franken und Bayern ab, sondern ganz Deutschland. Das erlaubt eine sehr positive Diversifikation in der Struktur der Märkte und der Portfolios.“ Für die VIG stellt die Erweiterung mit der Nürnberger Versicherung die größte Transaktion ihrer Geschichte dar. Nun gehe es darum, die Voraussetzungen für die Integration der Nürnberger technisch zu meistern und sie in die Steuerung der Gruppe entsprechend einzubinden. Dabei soll die Eigenständigkeit der Marke und der unternehmerischen Entscheidungen für den deutschen Markt erhalten bleiben. Ein Aspekt der Integration in die Vienna Insurance Group ist dabei die IT der Nürnberger Versicherung, die rasch auf eine moderne Basis gehoben werden soll.
Während die VIG in ihren Kernmärkten in Zentral- und Osteuropa stets eine führende Rolle anstrebt, ist Deutschland ein Spezialmarkt. „In Österreich, Tschechien, Slowakei, Ungarn und anderen Staaten sind wir großteils bereits Marktführer. In den anderen Ländern rangiert die VIG unter den Top drei oder zumindest unter den Top fünf“, erläutert Löger, „Das ist auf Deutschland nicht umlegbar. Deshalb ist Deutschland für uns ein Spezialmarkt.“ In Zukunft liegt dort der Fokus auf der Stärkung der Bereiche Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherungen – in diesen Segmenten ist die Nürnberger bereits unter den Top drei.
Hartwig Löger, CEO der Vienna Insurance Group Roland Rudolph
»In Österreich, Tschechien, Slowakei, Ungarn und anderen Staaten sind wir großteils bereits Marktführer. In den anderen Ländern rangiert die VIG unter den Top drei oder zumindest unter den Top fünf.«
Hartwig Löger
CEO der Vienna Insurance Group
Neben Deutschland ist die VIG auch in anderen Spezialmärkten tätig. „In der Türkei sind wir mit zwei Gesellschaften sowohl im Sach- als auch im Lebensversicherungsbereich sehr erfolgreich. Wir sind ebenfalls in den Spezialmärkten Georgien und Liechtenstein tätig“, führt Löger aus, „So gesehen ist die Nürnberger eine Ergänzung zu unseren Aktivitäten und unterstützt positiv die Diversifikation der gesamten Gruppe. Die Türkei ist ein großer Wachstumsmarkt, während Deutschland ein solider, konsolidierter Markt ist. Damit gibt es beim Risikomanagement eine gute Ausgleichsbasis.“ In manchen Staaten hat die VIG einen Marktanteil von mehr als 30 Prozent erreicht, ein Umstand, der das weitere Wachstum aus regulatorischer und wettbewerbsbehördlicher Sicht begrenzt. „Aber wir erzielen dort ein organisches Wachstum und sind bei den Vertriebswegen sehr gut und vielfältig aufgestellt“, erklärt Löger, „Wir verfügen neben dem eigenen Vertrieb in vielen Märkten über sehr gute Maklerkooperationen, was wir auch strategisch stärken. Dazu kommen auch unsere Bankenkooperationen.“
Die Zentrale der VIG, der Wiener Ringturm, ist derzeit mit einem Kunstwerk mit dem Titel „Your Happiness Is in Your Own Hands“ des aus Moldau stammenden Künstlers Pavel Brăila verhüllt. Das Motto verweist direkt auf die Firmenkultur der VIG in den vergangenen 30 Jahren. „Wenn ich an den Anfang der 1990er-Jahre zurückdenke, hat die damalige Wiener Städtische den Weg in Richtung Osteuropa gewagt und die richtigen Rezepte für ihre Aktivitäten und letztlich für eine Erfolgsstory in diesen Ländern gefunden“, blickt Löger zurück, „Es ist für uns ein sehr wichtiges Signal, in Ländern wie Moldau, das sich an die Europäische Union annähert, zu investieren und damit langfristig nicht nur unseren Unternehmenserfolg, sondern auch die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung dieser Märkte zu unterstützen. Mit der Verhüllung des Ringturms wollen wir bewusst unser Bekenntnis zu diesen Märkten zum Ausdruck bringen.“
Ebenfalls ein Bekenntnis zur Zukunft ist das neue Strategiepapier der VIG „Evolve28“. „Der Titel verrät, dass ,Evolve28‘ eine evolutionäre Weiterentwicklung ist und keine Revolution“, erläutert der VIG-CEO, „Jede Gesellschaft unserer Gruppe hat nun ihre eigene Strategie für die kommenden drei Jahre vorgelegt. Unser Grundwert Vielfalt wird durch diesen Schritt wirklich gelebt. Die Vielfalt der Märkte findet sich in den individuellen Strategien der einzelnen Unternehmen, die durch fünf gruppenstrategische Programme ergänzt werden. Das sind Nachhaltigkeit, Kapitalmanagement, Bankenkooperationen, Künstliche Intelligenz und Gesundheit. Ein ganz wichtiger Aspekt, der die Werte unterstützt, ist unser Verständnis der Zusammenarbeit innerhalb der Gruppe. Ein zentrales Element nennen wir CO3. Das steht für Communication, Cooperation und Collaboration.“
50 Unternehmen mit ihren eigenen Strategien in Ländern mit unterschiedlichen Kulturen werden von der Zentrale in Wien zusammengehalten. Dafür zeichnet Hartwig Löger ein Bild aus der Seefahrt: „Wir sind kein Haufen von einzelnen Schiffen. Eine Flotte definiert sich dadurch, dass alle Schiffe eine gemeinsame Richtung eingeschlagen haben und miteinander interagieren. Wir nennen das einen strategischen Rahmen, der auf unseren Werten und Prinzipien basiert. In ihm ist das Zusammenspiel dieser Flotte sehr klar beschrieben. Diesen Rahmen haben wir nicht zentral definiert, sondern gemeinsam mit den CEOs aller Gesellschaften entwickelt.“ Darauf basierend wurden für die Individualstrategien der einzelnen Unternehmen der VIG fünf Ebenen definiert. „Der Kunde ist der wichtigste Faktor“, beschreibt Löger, „Der Vertrieb schafft die Verbindung zum Kunden.“ Weiters Produkte und Services, Prozesse sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und Partner innerhalb des Unternehmens. Diese fünf Ebenen sind für alle Unternehmen die gemeinsame Strukturgrundlage, auf der die jeweils individuellen Zielsetzungen und Maßnahmen aufsetzen.
Die Zukunft der VIG steht zu einem guten Teil unter dem Zeichen der Künstlichen Intelligenz. „Wir haben bereits in den vergangenen Jahren erkannt, dass unglaublich viel an Innovation und Kreativität auch durch die Nutzung von KI-Tools entwickelt wurde. Nun schaffen wir eine technische Plattform, auf der Entwicklungen, die etwa im Baltikum, Rumänien oder auch in Österreich gemacht werden, für alle Teilnehmer unserer Gruppe skalierbar zur Verfügung stehen. Das potenziert natürlich deren Wirkung und gibt uns die Chance, klar zu priorisieren, wo wir bei der Nutzung von Künstlicher Intelligenz die größten Fortschritte erzielen können“, umreißt Löger die Zukunftsstrategie. Dadurch entstehe auch bei Anwendungen für die Kunden eine positive Dynamik: „Eine Vielzahl dieser Lösungen sind kundenorientiert. Es gibt etwa im Schadenmanagementbereich einen in Rumänien entwickelten vollautomatisierten Kfz-Schadentunnel, der von Künstlicher Intelligenz gesteuert wird. Er eröffnet die Chance, rund um die Uhr, 24/7, den Tunnel zur Besichtigung des Autos für Vorschäden zu nutzen, wenn es um die Ausstellung neuer Polizzen geht. In einem akuten Schadensfall fährt ein Kunde ebenfalls einfach dort hinein und die KI nimmt automatisiert den Schaden auf. Der Kunde hat so schnell wie bei keiner anderen Versicherung die Versicherungsleistung bereits überwiesen. Das ist ein kleines Beispiel einer praktischen Anwendung.“
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