„Wir wollen viel Freude verbreiten und die fröhlichste Demo veranstalten, die es in Wien gibt.“ Sagt der Schwede Johannes Unosson im Gespräch mit der „Presse“. Er ist Projektleiter einer christlichen Großveranstaltung, wie sie Österreich im Allgemeinen und Wien im Speziellen schon länger nicht gesehen hat. Ein „Marsch für Jesus“ rund um die Ringstraße und danach auf dem Schwarzenbergplatz ein Gebet für Österreich und ein „Fest für Jesus“ werden für 19. September vorbereitet.
Freikirchen wie auch evangelikale Bewegungen tragen und organisieren den Großevent, der von 12.30 bis 21 Uhr dauern und Zehntausende zur Teilnahme mobilisieren soll. Mittlerweile werden in der katholischen Kirche bei der Unterstützung Bruchlinien erkennbar.
In einem Brief an alle Pfarrer der Erzdiözese Wien ruft ein eigens gegründetes Komitee „Katholiken zur Unterstützung des ,Marsch für Jesus 2026‘“ zur Teilnahme auf. Dieser Gruppierung gehört auch einer der zehn österreichischen Diözesanbischöfe an (das Militär bildet ja seit dem Jahr 1987 eine eigene Diözese), Hermann Glettler aus Innsbruck. Warum nur er und ausgerechnet er?
Hermann Glettler ist für das erst bei der Sommer-Vollversammlung der Bischofskonferenz im Juni 2026 in Mariazell geschaffene neue Referat Gesellschaftliches Engagement der zuständige Leiter. Das Thema Lebenssschutz ist bei ihm geblieben, obwohl das Familienreferat zum Wiener Weihbischof Stephan Turnovszky gewandert ist. Der Lebensschutz, konkret der Kampf gegen den Schwangerschaftsabbruch, wiederum gehört zu zentralen Feldern des Einsatzes von Evangelikalen und Freikirchen in der Gesellschaft. Sie sorgen auch mit dem „Marsch für das Leben“ regelmäßig für politische Kontroversen. Darüber hinaus ist Hermann Glettler Mitglied der charismatischen Gemeinschaft Emmanuel, der sehr an (Neu)Evangelisierung und ähnlich wie Freikirchen an neuen Formen des Gebets (Stichwort Lobpreis) gelegen ist.
Alle anderen Diözesanbischöfe scheinen eine allzu große Nähe zu den als konservativ geltenden Freikirchen und Evangelikalen zu scheuen – vor allem wegen der latenten Gefahr, dass die Veranstaltung als politisch interpretiert werden könnte. Gerade jene Organisation, die unter Hermann Glettlers Zuständigkeit in der Bischofskonferenz fällt, verweigert aber im Gegensatz zu ihm einen Aufruf zur Teilnahme beim „Marsch für Jesus“, die Katholische Aktion Österreich (KAÖ). Unter deren Dach sind allerlei Laiengruppierungen, unter anderem Jungschar, Jugend, Frauen- und Männerbewegung, vereint.
Bei einer Präsidiumssitzung wurde erst vor wenigen Tagen beschlossen, dass die KAÖ weder zur Teilnahme aufrufen noch als Organisation am „Marsch für Jesus“ teilnehmen wird. Das erklärt Präsident Ferdinand Kaineder auf Anfrage der „Presse“. Und weiter: „Wir sehen unsere Arbeit in den Pfarren, Gruppen und in der Gesellschaft, nicht in der Eventisierung des Glaubens. Das ist eine legitime Form, aber nicht die unsere.“ Außerdem wird die Ablehnung von Abtreibung aus Sicht des KAÖ-Präsidiums bei Evangelikalen und Freikirchen zu fundamentalistisch betrieben, wie es heißt.
Keine Berührungsängste hingegen haben auch die zwei noch unter Kardinal Christoph Schönborn ernannten Wiener Weihbischöfe Franz Scharl und Stephan Turnovszky. Auch sie sind Unterzeichner des Briefs, der für den Marsch wirbt.
Darin heißt es wörtlich: „Die konfessionelle Vielfalt und die Teilnahme auch anderssprachiger Gemeinden lässt die Vielfältigkeit des Leibes Christi sichtbar werden.“ Der „Marsch für Jesus“ sei eine gute Gelegenheit, die Freude am Glauben öffentlich zu zeigen, zum Ausdruck zu bringen, „dass Jesus Christus unser Herr ist“, Gemeinschaft über Pfarr- und Konfessionsgrenzen hinweg zu erfahren und ein „Zeichen der Hoffnung“ zu setzen.
Weihbischof Franz Scharl wird auch selbst an der Veranstaltung teilnehmen. Stephan Turnovszky und Erzbischof Josef Grünwidl sind aus Termingründen nicht dabei, wie es auf „Presse“-Anfrage vom Stephansplatz heißt.
Der letzte derartige Marsch in Wien hat vor zehn Jahren stattgefunden. Laut Polizei haben damals 18.000 Personen teilgenommen. Diesmal hoffen die Veranstalter auf mehr.
Projektchef Johannes Unosson: „Wir beten, dass Gott viele Herzen bewegt. Potenzial hätten wir für 100.000. Wenn das Wetter gut ist, bin ich zuversichtlich. Wiener fürchten den Regen.“