
Der Südwesten Frankreichs ist das Epizentrum einer Feuersbrunst mit Auswirkungen bis nach Paris. So verkürzten die Behörden die letzte Etappe der Tour de France mit Ziel auf den Champs-Élysées, um Polizisten, Sicherheitskräfte und Nothelfer in die Region um Bordeaux zu verlegen. In den letzten Tagen sind mehr als 42.000 Hektar einer Waldfläche und mindestens 250 Häuser ein Raub der Flammen geworden.
250.000 Menschen, darunter Urlauber aus dem In- und Ausland, mussten evakuiert werden; Bahnstrecken, Straßen und Autobahnabschnitte vorübergehend gesperrt werden. Ein rasches Ende dieser Katastrophe mit mehreren Brandherden ist nicht abzusehen.
Die Zahlen der Zwischenbilanz vermitteln nur einen schwachen Eindruck dieser Brandkatastrophe, die ein für Frankreich bisher unbekanntes Ausmaß hat. Videos und spektakuläre Fotos der Flammen und der gigantischen Rauchwolken liefern Bilder davon, wie eine ganze Region wie in einem dichten Smog in ein gelbes Dämmerlicht versinkt. Der Rauch mit seinen Feinpartikeln und Reizstoffen macht mancherorts das Atmen schwer. Das Urlaubsparadies ist eine Feuerhölle geworden.
Am Strand im bekannten Küstenort Arcachon konnten zuerst die Touristen noch das „Spektakel“ auf der anderen Seite der Bucht, auf der Halbinsel des Cap Ferret betrachten. In diesem „Saint-Tropez“ der Atlantikküste haben viele begüterte Familien ihre Villen. Hier bieten in ihren pittoresken Hütten und Restaurants mit Blick auf die Bucht von Arcachon normalerweise auch die Austernzüchter ihre Meeresfrüchte zur Degustation an.
Jetzt ist die malerische Halbinsel fast menschenleer. Im nördlichen Teil in Lège-Cap-Ferret kämpfen Feuerwehrleute, unterstützt von Bauern mit Wassertanks auf Traktoren, gegen die Feuer an. Sonst sind nur ein paar Fischer und Austernzüchter geblieben, weil sie denken, dass sie sich notfalls mit ihren Kuttern aufs Meer retten können. Einwohner und Touristen haben per Notruf einen Evakuierungsbefehl erhalten.
Die Flucht war indes nicht so einfach. Es gibt nur eine einzige Straße, die von der südlichen Spitze zum Landesinnern führt. Und auch nach der Verzweigung bildeten sich lange Staus. Auch vom Festland westlich von Bordeaux war eine Massenflucht im Gang. Dort wütet ein Brand, der wegen wechselnder Winde am Sonntag noch außer Kontrolle war. Am meisten gefährdet waren mehrere Vororte westlich von Bordeaux.
Die Bevölkerung der Metropole selber fühlt sich ebenfalls bedroht, auch wenn die Brandfront noch 20 Kilometer weit entfernt ist. Die Rauchbelästigung ist jedoch bereits stark. Der Bürgermeister von Bordeaux, Thomas Cazenave, rief mehrmals seine Mitbürger auf, jede Panik zu vermeiden. Bordeaux sei – noch – nicht in Gefahr, eine Evakuierung der Stadt derzeit nicht aktuell.
Bereits eingeholt von der unmittelbaren Bedrohung wurden aber 55.000 Bewohner von Mios, Biganos, Marcheprime und auch Cestas, einer Ortschaft fast an den Toren von Bordeaux. Sie wurden aufgefordert, sofort ihre Wohnungen zu verlassen und nur das Allernötigste mitzunehmen. Die Gendarmerie kontrolliert, ob sie der Aufforderung Folge leisten. Zudem herrscht Angst vor Einbrechern und Plünderungen.
Stundenlang und zum Teil die ganze Nacht über harrten viele der Evakuierten in ihren Autos aus. Nicht alle haben Bekannte und Verwandte in der Nähe, die sie aufnehmen können. In einer Messehalle in Bordeaux wurde ein behelfsmäßiges Auffanglager mit Feldbetten, Trinkwasser und Nahrung eingerichtet, wo rund 6000 Menschen Zuflucht fanden.
Unter ihnen befinden sich auch viele Familien, die in der Region in Urlaub waren. An eine sofortige Heimkehr ist für die meisten schwerlich zu denken. Die Autobahnen sind entweder gesperrt oder unterbrochen. Der Verkehr vom internationalen Flughafen Mérignac im Westen von Bordeaux ist eingeschränkt, ebenfalls der Bahnverkehr.
Die Behörden bieten alles auf, was ihnen zur Brandbekämpfung und für Rettungsaktionen zur Verfügung steht. Alle Löschflugzeuge und erstmals ein militärischer Airbus sind im Einsatz. Da die Feuerwehr auch in anderen Regionen gegen das Feuer kämpfen oder wegen drohender neuer Brände auf Abruf bleiben muss, sind die Mittel beschränkt. 1500 Militärs und Helfer aus europäischen Ländern sind zur Verstärkung angereist.
In den Katastrophengebieten weckten Gewitterregen nur kurz Hoffnung. Schon für diese Woche ist eine weitere mehrtägige Hitzeperiode in weiten Landesteilen angekündigt, die nicht nur die Aktionen der Feuerwehr erschweren, sondern auch den Ausbruch zusätzlicher Brände befürchten lassen.
Die heftigen Waldbrände in der Gironde zeigen deutlich auf, dass für Frankreich und Europa eine neue Ära von klimabedingten Katastrophen begonnen hat. Innenminister Laurent Nuñez bestätigt dies mit seiner provisorischen Bilanz: Seit Jahresbeginn sind in Frankreich bereits mehr als Tausend Quadratkilometer Wald von Bränden zerstört worden – mehr als je zuvor. Und noch nie war eine Großstadt wie Bordeaux davon bedroht.