Eine knarrende Tür, Dunkelheit, viel Unbehagen. Der Gang in den Keller war für Markus Henrik als Kind stets ein Graus. In seiner Fantasie lauerten ihm Monster auf. Um sich selbst Mut zu machen, begann er zu singen. Bis heute beruhigt sich der Musikwissenschaftler mit „We Didn’t Start the Fire“. Im Gegensatz dazu stimmt der weitgehende Verzicht auf Melodien im Film „No Country for Old Men“ nervös, ebenso die schrillen Violinenstriche in Alfred Hitchcocks „Psycho“.
„Musik ist eine Superpower des Menschen“, sagt Thomas Stegemann, Leiter des Instituts für Musiktherapie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. „Einerseits gibt es keine andere Kulturtechnik, die Menschen über Länder- und Sprachgrenzen hinweg stärker und unmittelbarer miteinander verbindet und Zugehörigkeit schafft, andererseits wirkt Musik ganzheitlich auf das Gehirn“, so Stegemann, der auch Musiktherapeut und Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie ist, da motorische, sprachliche und kreative Areale gleichzeitig aktiviert werden.
Das gilt nicht nur für das Hören von Musik, sondern auch für das Notenlesen, Singen, Musizieren und Tanzen: Vorstellungskraft, Gedächtnisleistung und Konzentration werden gleichsam geschult und das Glückshormon Dopamin wird ausgeschüttet. „Wird gemeinsam Musik gemacht oder erlebt, kommt das Bindungshormon Oxytocin dazu und verstärkt die Zusammengehörigkeit und das Sicherheitsgefühl“, sagt Stegemann. „Vor allem in belastenden Situationen gibt Musik ein Stück Kontrolle und Lebensfreude zurück.“
Ein Umstand, dem in der Musiktherapie Rechnung getragen wird. „Schon immer waren Musik, Rhythmus und Bewegung Teil von Heilungsritualen“, sagt Stegemann, „es ist also eine sehr alte Therapieform, auch wenn sie erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts institutionalisiert ist.“ Österreich zählt hierbei zu den Vorreitern und den wenigen europäischen Ländern, in denen Musiktherapie ein anerkannter Gesundheitsberuf mit eigenem Gesetz ist.
Unterschieden werden zwei Formen: die rezeptive Musiktherapie, bei der Musik gemeinsam angehört wird oder der Musiktherapeut für den Patienten spielt, und die aktive Variante, bei der selbst musiziert wird – „wobei es völlig egal ist, wie talentiert jemand ist“. Denn: „Entscheidend ist, dabei auszudrücken, was sich nicht gut oder gar nicht mehr in Worte fassen lässt.“
Die Bandbreite an Einsatzmöglichkeiten zeigt auch eine 2015 im Fachjournal „The Lancet“ publizierte Metaanalyse. Ihr zufolge benötigen Personen, die nach Operationen Musik hören, weniger Schmerzmittel. Auf Intensiv-, Palliativ- und Frühchenstationen, in Rehakliniken wie in der Psychiatrie wirken sanfte Klänge beruhigend auf Herzschlag und Atmung, senken Blutdruck und Stresshormone nachweislich. Eine Übersichtsarbeit über 81 Studien von 2021 wies zudem darauf hin, dass Singen während Chemotherapien positiv auf das körperliche und mentale Wohlbefinden der Betroffenen wirkt.
„Wenn wir singen, wird unser Immunsystem stärker, Stress nimmt ab, und wir agieren sozialer“, bestätigt Henrik, der unter seinem Künstlernamen „Dr. Pop“ soeben das Buch „Macht Musik!“ geschrieben hat. Ähnlich wirksam ist es, wird mit den Händen musiziert: „Bereits wenige Minuten am Klavier können den Cortisolspiegel senken“, sagt der 43-Jährige. Parallel dazu werde das Corpus callosum, die Nervenbahn zwischen den Hemisphären im Gehirn, dicker, was die Kommunikation zwischen ihnen verbessert. Bis weit in die Pension hinein: „Wer im hohen Alter ein Instrument erlernt, kann danach besser rückwärts einparken“, sagt Henrik.
Freilich muss nicht so lange gewartet werden: Eine Langzeitstudie des Musikpädagogen Hans Günther Bastian an Berliner Grundschulen konnte zeigen: Kinder mit intensivem Musikunterricht erreichten bessere Noten in anderen Fächern. Je früher Kinder mit Musik in Berührung kommen, desto schneller bildet sich ihre Sprachkompetenz aus und desto sozialer wird ihr Auftreten, sagt Henrik. Noch im Mutterleib, etwa im fünften Monat, ist der Hörsinn entwickelt, wodurch das Ungeborene Rhythmen und Tonlagen wahrnimmt. Besonders oft hört es dort 60 bis 80 Schläge pro Minute – den Ruhepuls der Mutter und zeitgleich jenes Tempo, auf dem viele Kinderlieder basieren.
Neben Ruhe, Freude, Trost und Motivation schenkt Musik auch Lust: Leidenschaftlich gespielte Töne aktivieren dieselben Hirnareale wie romantische oder sexuelle Erregung. Schon im 6. Jahrhundert v. Chr. schrieb die Dichterin Sappho erotische Lieder für die Lyra, die betanzt wurden. Im alten Rom ließen Catull und Ovid ihre zweideutigen Verse melodisch begleiten: „Codewörter wie der Garten, die Rose oder die Nachtigall waren oft Anspielungen auf intime Zweisamkeit“, sagt Henrik. Heute sei das beim Rappen nicht anders. Summa summarum: „Sexualität ist genau wie Musik etwas Existenzielles – kein Wunder, dass beide sich verstärken.“
Übrigens: Für die richtige Frequenz der Herzdruckmassage werden Lieder zwischen 100 und 120 Schläge pro Minute (bpm) empfohlen. Etwa „Last Night a D. J. Saved My Life“ mit 110 bpm. Einer von Henriks liebsten Ohrwürmern – nicht nur auf dem Weg ins Souterrain.
Fakten
Je nach Genre und Gelegenheit versetzen Melodien Menschen in Ruhe oder Ekstase, trösten oder verbinden. Giacomo Bignardi vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen zufolge liegt die Freude an Musik zum Teil in den Genen.
Musikalität ist ein Potenzial, kein Status quo; etwa, wenn es jemandem leichtfällt, ein Instrument zu erlernen. Für musikalischen Erfolg bedarf es laut dem US-Psychologen K. Anders Ericsson rund 10.000 Stunden Arbeit.
Der Verein Singende Krankenhäuser e. V. wurde 2009 auf Initiative des Musiktherapeuten Wolfgang Bossinger ins Leben gerufen und ist heute ein internationales Netzwerk mit Partnern in Europa, Asien, Nord- und Südamerika, Südafrika und Kanada.