Russische Forscher fanden an einem 59.000 Jahre alten Zahn die Spuren einer Behandlung – offenbar gegen die Schmerzen einer entzündeten Zahnhöhle.
Vor 59.000 Jahren behandelt, nun genau untersucht: Backenzahn eines Neandertalers. Zubova
13.05.2026 um 20:02
von
Thomas Kramar
Wie menschlich waren die Neandertaler? Das fragen sich Menschen, seitdem 1863 ein 1856 im Neandertal (benannt nach dem evangelischen Pfarrer Joachim Neander) bei Düsseldorf gefundenes Skelett einer anderen Art von Menschen zugeordnet wurde. Lange sah man diese Alteuropäer als recht tierisch an, grenzte sie stark von den später aus Afrika eingewanderten Homo sapiens ab. Heute weiß man, dass sie sich mit diesen vermischten; und die meisten Anthropologen sprechen ihnen höhere Verhaltensweisen zu, etwa dass sie ihre Toten begruben, Kunst schufen oder Kranke schonten.
Doch medizinische Aktivitäten der Neandertaler wurden bisher nicht nachgewiesen, bis auf eine Ausnahme: Gefundene Zähne zeigen Spuren des Einsatzes von Zahnstochern. Man vermutet, dass Neandertaler diese nicht nur zur Entfernung von Speiseresten verwendeten, sondern auch versuchten, damit die Schmerzen von Zahnfleischentzündung (Parodontitis) zu mildern.
Arge Schmerzen müssen es auch gewesen sein, unter denen ein Neandertaler – oder eine Neandertalerin – vor ca. 59.000 Jahren in Westsibirien litt. Dafür spricht ein in der Tschagyrskaja-Höhle gefundener Backenzahn. Er weist ein tiefes Loch auf, das bis in die Zahnhöhle reicht. Es ist nicht nur das Ergebnis von Karies – unter der Neandertaler litten, obwohl sie sich wahrscheinlich kohlenhydratarm ernährten –, es wurde offenbar gebohrt: mit steinernen Werkzeugen, wie sie auch in dieser Höhle gefunden wurden. Das meinen Forscher um Alisa Zubova (Russische Akademie der Wissenschaften), sie stützen sich auf Experimente, bei denen sie mit solchen Steinstücken gut erhaltene Zähne, allerdings von Homo sapiens, traktierten und solchermaßen die Höhle aufbohrten, wobei wohl der Nerv abstarb.
Die altsteinzeitliche Behandlung hat bestimmt sehr weh getan, allerdings wohl den Patienten recht schnell von den chronischen Schmerzen befreit, die eine entzündete Zahnhöhle bringt. So, meinen die russischen Forscher, sei diese Behandlung ein Indiz dafür, dass Neandertaler erstens die Ursache eines Schmerzes lokalisieren konnten und zweitens abwägen konnten, dass es vernünftig ist, einen kurzen argen Schmerz zu ertragen, um das chronische – und auf Dauer lebensgefährliche – Leiden zu beenden. Drittens bedurfte die Behandlung einiger manueller Geschicklichkeit.
Spricht die nötige Kommunikation zwischen Behandeltem und Behandelndem auch dafür, dass sie sprechen konnten? Das behaupten die Forscher nicht. Aber sie schreiben in „Plos One“ (13. 5.) stolz vom „frühesten dokumentierten Fall einer invasiven Karies-Zahnbehandlung in der menschlichen Geschichte“. Die bisher älteste nachgewiesene Zahnbehandlung bei einem Homo sapiens ist deutlich jünger: Sie betraf einen 14.000 Jahre alten Backenzahn, der 1988 in der Felshöhle von Riparo Villabruna in Norditalien gefunden wurde.