Im Nordosten Europas braut sich etwas zusammen. Zumindest ist das der Eindruck, den führende Politiker der Region erwecken. „Ich will niemandem Angst machen, aber die kommenden Monate könnten kritisch werden, vor allem im Baltikum“, sagte Donald Tusk neulich. Details nannte der polnische Premier nicht. Jedenfalls vergeht kaum ein Tag ohne neue Warnungen. Was steckt dahinter?
Zunächst waren es nur vereinzelte Signale, die öffentlich wurden. Mitte Juni zum Beispiel kündigte Litauen an, den Schutz seiner kritischen Infrastruktur zu verstärken. Kurz darauf, Anfang Juli, zeichnete ein Bericht im britischen „Daily Telegraph“ ein besonders düsteres Szenario, wonach Russland kritische Infrastruktur in der Region mit Raketen und Drohnen angreifen und sogar Soldaten aus Kaliningrad und Belarus schicken könnte, um den Zusammenhalt der Nato zu testen. Zugleich berichteten polnische Medien von US-Geheimdienstwarnungen vor einem begrenzten russischen Angriff in der Region.
Auch Litauens Präsident Gitanas Nausėda wurde diese Woche konkreter. Er bestätigte Geheimdienst-Warnungen vor einer geplanten „begrenzten kinetischen Operation“ und nannte kritische Infrastruktur als wahrscheinliches Ziel. Die ersten Geheimdienst-Hinweise habe man „vor zwei, drei Monaten“ erhalten. Seither seien die Planungen auf höchster Ebene „ununterbrochen“ vorangetrieben worden.
Als eines von vielen möglichen Szenarien wird über einen Schlag gegen die wichtige Stromverbindung zwischen Litauen und Polen spekuliert. Es wäre ein Angriff von großer Symbolkraft, da sich das Baltikum erst 2025 unter großen Mühen vom russischen Stromnetz gelöst und via Polen mit dem EU-Netz synchronisiert hat.
Polens Außenminister Radek Sikorski wiederum warnte diese Woche vor einem Drohnenangriff unter falscher Flagge. Russland könnte demnach ukrainische Drohnen einsetzen, um ein NATO-Land oder Russland selbst anzugreifen und einen Vorwand für eine Reaktion zu schaffen. Die Verunsicherung schürt, dass Russland möglicherweise schon begonnen hat, ein solches Szenario rhetorisch vorzubereiten.
Im Frühjahr behauptete der Kreml, dass die baltischen Staaten ihren Luftraum für ukrainische Drohnenangriffe geöffnet hätten (was Estlands Premier Kristen Michal neulich in „Der Presse“ scharf zurückwies) und dass Lettland ukrainische Drohnenpiloten von seinen Basen operieren lasse.
Der Este Holger Roonemaa ist in den baltischen Geheimdiensten bestens vernetzt. Seinen Quellen zufolge gehen die aktuellen Warnungen vor allem auf Informationen über ein mutmaßliches Treffen in Russland im Frühjahr zurück. „Damals gab es Hinweise, dass von der russischen Führung der Auftrag erging, Pläne für eine Eskalation auszuarbeiten“, sagt der Investigativjournalist zur „Presse“.
Die Hinweise kamen demnach vom ukrainischen Geheimdienst, später auch von englischsprachigen Diensten. Roonemaas Quellen zufolge standen aber weder Ort und Zeit fest, noch gab es schon grünes Licht von oben für eine größere Provokation. „Die Quellen von Roonemaa waren sich aber in einem Punkt einig: Falls es einen Angriff gibt, wird er klar unter der Schwelle von Artikel 5 bleiben.“
Artikel 5 meint die NATO-Beistandspflicht. Sie würde wohl erst im Falle einer größeren konventionellen Attacke beschlossen werden. Aber dafür gebe es eben keine Anzeichen. „Auf der russischen Seite der Grenze ist es militärisch auch sehr ruhig“, sagt Roonemaa. Denn die russische Armee ist in der Ukraine gebunden und erleidet dort massive Verluste, weshalb sie zu einer größeren Militäraktion gar nicht in der Lage sei.
Paradoxerweise könnte aber die verschlechterte Lage im Ukraine-Krieg dazu führen, dass Russland gegenüber westlichen Ukraine-Unterstützern eskaliert. Putin sei „verzweifelt“, warnt Polens Außenminister Sikorski. Ein mögliches Ziel einer Eskalation im Baltikum könnte daher sein, den Druck auf Waffenlieferanten der Ukraine zu erhöhen und zugleich vor den Duma-Wahlen im September abzulenken und die Erzählung zu stärken, Russland stehe einem übermächtigen Gegner gegenüber – und komme nur deshalb in der Ukraine nicht voran.
Ob diese Strategie aufgeht, ist umstritten. Der Este Roonemaa bezweifelt, dass eine Eskalation unterhalb der Schwelle von Artikel 5 ausreichen würde, um die öffentliche Meinung in den baltischen Staaten gegen die Waffenhilfe für die Ukraine zu drehen.
Denn Litauen, Lettland und Estland zählen zu den lautesten Unterstützern der Ukraine. Auch deshalb sind die drei Staaten immer wieder Ziel russischer hybrider Aktionen – von Cyberangriffen und Sabotage bis hin zu Anschlagsplänen. Im Frühjahr vereitelten litauische Behörden nach eigenen Angaben Attentate gegen einen russischen Exil-Aktivisten und einen weiteren Kremlkritiker. Auch Luftraumverletzungen häufen sich. Im Herbst 2025 passierten mehr als ein Dutzend russische Drohnen die polnische Grenze.
Mitunter greift der Ukraine-Krieg auch unbeabsichtigt aufs Baltikum über: Im Frühjahr krachte eine ukrainische Drohne in ein estnisches Kraftwerk, eine weitere traf einen Öltank in Lettland. Die Vorfälle sind zwar nicht restlos geklärt, doch sie führten den Balten ihre Verwundbarkeit vor Augen.