
Einmal im Jahr ist ganz Wien auf den Beinen, auch bei der 43. Auflage des City-Marathons wartet ein Spektakel. Über Emotionen, Erwartungen und Erinnerungen. Welcher Wandel ist gelungen, welche Gefahr geblieben?
Am Sonntag drehen nicht nur über 49.000 Läufer in Wien ihre Runden im Rahmen des Vienna City-Marathons, sondern einmal mehr auch Emotionen, Erinnerungen und noch mehr Erwartungen. Dass vor 40 Jahren Gerhard Hartmann zum zweiten Mal in Folge gewonnen hat, zudem in jahrelang währender Rekordzeit von 2:12,22 Stunden, ist unvergessen. Auf den nächsten Heimsieg durch seinen „Erben“ Aaron Gruen (2:09,53 h) zu setzen, ist freilich patriotisch und doch nur ein unerfüllter Wunsch, weil Afrikas Läuferinnen und Läufer auch diese Auflage des 42,195-km-Rennen dominieren werden. Eine gelungene Vorbereitung inklusive einer beachtlichen Halbmarathonbestmarke von 61:14-Minuten im Jänner lässt den Harvard-Medizinstudenten (er kam erst am Donnerstag wegen einer Prüfung und fliegt bereits Montag wieder, um die nächste wahrzunehmen) und begeisterten Cellisten jedenfalls auf ein gelungenes Wien-Debüt hoffen.
Wohin aber ist die Zeit gelaufen, wie gewachsen ist dieses Rennen, welches nunmehr auch zu den „European Marathon Classics“ zählt und da in einer Liste thront neben Großstädten wie London, Rom oder Frankfurt? Seit Monaten ist der Wien-Marathon schon restlos ausverkauft; als Hartmann mit markantem Pagenkopf über die Ringstraße flitzte, waren satte 2070 Finisher gezählt worden. Laufen ist an sich längst ein respektierter Sport geworden, ein Marathon für viele Menschen die ultimative Herausforderung. In Wien waren Weltstars wie Haile Gebreslassie oder Paula Radcliffe am Start, auf der Prater Hauptallee lief Eliud Kipchoge 2019 als erster Mensch diese Distanz unter zwei Stunden in 1:59,40 h. Die Bundeshauptstadt rühmt sich so gerne als Sportstadt, freilich gibt es dazu berechtigte Ambivalenz. Der VCM ist trotzdem ein Diamant
Ausbleibende Heimsiege und dennoch restlos ausgebucht zu sein mit begeisterten Läufern ist also für die breite Masse alles, nur kein Widerspruch. Im Spitzensport ist die Sicht etwas quälender, da war es nach Hartmann 23 Jahre lang still geblieben mit neuen Bestzeiten. Dann lief Günther Weidlinger in Frankfurt (2:10,47 h) zum neuen Meilenstein, den Gruen nun hält und seine Bestmarke bei optimalem Verlauf eventuell auch knacken könnte. Weil der 27-Jährige ein überaus rational denkender Mensch ist, vermied er es geschickt vorab mit Ankündigungen und genaueren Zeitvorstellungen um sich zu werfen.
Große Töne spuckt er trotzdem, im Duett mit den Wiener Symphonikern am Samstag im Musikverein. Auch das war einer seiner Herzenswünsche, die ihm Kathrin Widu und Dominik Konrad, die beiden VCM-Geschäftsführer, erfüllten. „Es ist ein Lebenstraum von mir, einmal im Goldenen Saal auftreten zu dürfen“, erklärt Gruen. Ob der Marathon ,Andante’ anmutet und doch ,Prestissimo’ sein wird?
Er lief schon in Boston, Chicago, der Enkel jüdischer Nazi-Flüchtlinge lief auch schon bei der WM in Tokio mit, will zur EM in Birmingham und freilich zu den Sommerspielen 2028 in Los Angeles. Erstmals jedoch in Wien anzutreten nach einem Kennenlernen der Straßen beim Silvesterlauf ist für ihn etwas Besonderes. Er sagt: „Es ist eine Riesenehre. Ich denke immer daran, wie meine Großeltern von hier flüchten mussten, dass ich hier starten darf, in einer Welt, wo es momentan sehr unruhig ist, dass trotzdem alle Läufer Spaß haben können und alles andere einmal zur Seite legen können. Die Bestzeit kommt mit dem Spaß dann hoffentlich von alleine.“ Apropos, nur als Vergleich. Den Streckenrekord von 2:05:08 h dem Jahr 2023 hält Samwel Mailu aus Kenia.
So viel zur Emotion, der Erinnerung. Die Erwartungen sind klar: Im Elitefeld der Frauen sind die Äthiopierinnen Haftamnesh Tesfaye und Tigist Gezahagn zu favorisieren. Österreichs mit Abstand beste Marathonläuferin, Julia Mayer, ist nicht am Start. Sie wurde in der Vorwoche in Linz Dritte.
Nach zwei äthiopischen Erfolgen in 2:06 bzw. 2:08 ist diesmal der aus Eritrea kommende Oqbe Kibrom Erit derjenige, den es zu schlagen gilt. Der 28-Jährige tritt mit einer Bestzeit von 2:05:37 Stunden und großen Ambitionen an. 2022 war er beim VCM bereits Dritter, die Ortskenntnis kann von enormem Vorteil sein. Ebenso das Wetter, das kühlere Temperaturen erwarten lässt.
Damit will sich Wien präsentieren, und weiter wachsen. Mit 49.000 angemeldeten Läuferinnen und Läufern für die diversen Bewerbe am Samstag und Sonntag verzeichnet das Event bei seiner 43. Auflage wieder einen Rekord. Damit ist die nächste Messlatte gelegt.