
Von der Magie des Theaters ist oft die Rede, der Ausdruck scheint abgedroschen. Schade. Über den italienischen Regisseur Romeo Castellucci würde man gern sagen, dass er die Magie des Theaters ergründet. Manchmal sogar die dunkle Magie. Man denke an sein Stück „Le Metope del Partenone“, 2014 bei den Wiener Festwochen: zehn arge Unfälle, zehn Todesfälle, vor denen man jeweils die theatralischen Vorbereitungen der Simulationen gesehen hatte. Sie erschreckten dennoch tief.
Oder seine Salzburger Inszenierung von „Don Giovanni“, die in einem als Kirche eingerichteten Bühnenraum begann: Allmählich wurden die geistlichen Gegenstände weggetragen, nach dieser Säkularisierung, dieser Entweihung konnte das irdische Spiel mit der Ouvertüre beginnen.
Auch im kaum mehr als eine halbe Stunde dauernden Spiel „Credere alle maschere“, das im Februar bei der Triennale Milano Premiere hatte und nun bei den Wiener Festwochen läuft, werden Gegenstände getragen. Langsam, fast zeremoniell, auf die Bühne und wieder von der Bühne fort. Ein Glas Milch, ein Strauß Blumen, ein ausgestopfter Fuchs werden auf Podeste gestellt, dazu erscheinen Wörter auf dem Videoschirm, die offensichtlich nicht dazupassen: „Hammer“ zur Milch, „Gesicht“ zu den Blumen, „Pferd“ zum Fuchs.
„Weh dem, der Symbole sieht!“, denkt man mit dem Leitspruch aus Samuel Becketts „Watt“, da kommt schon ein unzweifelhaftes Symbol, noch dazu ein religiös schwer aufgeladenes: Ein Kruzifix wird affichiert. Als nächstes kommt auf die Bühne: eine Gasflasche, aus der hörbar Gas strömt. Dann eine Gasmaske, dann eine Lautsprecher-Box, aus der Siegfrieds Hornmotiv aus Wagners „Ring“ klingt. Ein Rohr, aus dem Nebel kommt. Dann, kurz harmloser, ein Bild von Charlie Chaplin, bevor, ganz und gar nicht harmlos, ein elektrischer Stuhl auf die Bühne getragen wird. Er bleibt länger stehen. Und erstmals passt das Wort („Stuhl“) klar zum Gegenstand.
Unsicherheit im halbkreisförmig sitzenden Publikum: Was wird geschehen? Schließlich geht eine Frau zum Todesinstrument, setzt sich darauf, schnallt sich fest, mimt zitternd und krampfend eine Exekution. Andere Personen folgen ihr, eine wimmert beim Theatertod auf dem Theaterstuhl, eine sagt: „Krass, voll krass.“
Dann geschieht wieder nichts, der elektrische Stuhl steht da, wie wartend. Soll man mitspielen? Aufstehen, sich darauf setzen? Den eigenen Tod mimen, wie einst die Akteure in „Le Metope del Partenone“? Oder blödeln, brüllen, den Stuhl wegschieben, ins Spiel eingreifen, die Vorstellung stören? Wäre vielleicht peinlich. Man wettet inwendig: Kaum jemand wird bei den folgenden Aufführungen etwas dergleichen tun, dazu sind wir alle viel zu brav, wir können Theater von unserer Realität unterscheiden, so oft man uns auch erzählt hat, dass die vierte Wand – jene zum Publikum – durchlässig werden solle, dass Theater partizipativ werden solle, nach dem Motto aus Shakespeares „Was ihr wollt“: Die Welt ist eine Bühne, wie sind alle Schauspieler.
Aber nichts. Nichts geschieht. Alle sitzen, eine kichert leise, einer macht sinnlose Gesten. Nach einer Weile wird der elektrische Stuhl abtransportiert. Das (Nicht-)Spiel ist aus, der Nachmittag hat uns wieder. Selten hat eine Vorführung so brutal enttäuschend geendet. Alle nehmen die Masken ab.
Die Masken? Ja. Dass dieses Setting funktioniert, ist nur möglich, weil alle Besucher Masken tragen, die vor Beginn verteilt worden sind. Sie wirken wie Scheuklappen, das Gesichtsfeld wird drastisch kleiner, das macht anfällig für Angst. Vor allem aber sieht man nicht, wie die anderen auf die Situation reagieren. Die Menschen im Publikum können sich nicht über ihre Gesichtsausdrücke absprechen. Und keiner weiß, wie die vier, fünf Personen, die sich auf den Stuhl mit den Riemen gesetzt haben, dreingeschaut haben. Waren sie überhaupt Zuseher? Oder waren sie Schauspieler, die sich unters Publikum gemischt haben? Auserwählte, die speziell instruiert wurden?
Will man es wissen? Das Wundersame an Castelluccis Ritualen ist, dass auf sie die oft unbedacht ausgesprochene Klischeevorstellung zutrifft, dass es genüge, Fragen aufzuwerfen und die Zuseher zum Grübeln zu nötigen. Der erste Gegenstand, der auf die Bühne gestellt wird, ist übrigens eine bauchige Vase, die etruskisch aussieht. Sie drängt die Assoziation zum Wort „persona“ auf, das ursprünglich Maske bedeutete. Nach einer Theorie kommt es vom etruskischen Wort „Phersu“, das einen grusligen Totendämon benennt, der in theatralischen Ritualen beschworen wurde. Wie man’s auch sieht: Der Tod spielt immer mit bei Castellucci.