Zwingt der Klimawandel Menschen dazu, ihrer Heimat Lebewohl zu sagen? Selten lassen sich Migrationsentscheidungen an nur einem einzelnen Auslöser festmachen. Und so ist es schlichtweg falsch, von Klimaprognosen auf internationale Migrationstrends zu schließen – wie es für alarmierende Schlagzeilen gerne gemacht wird. Nichtsdestoweniger braucht es Prognosen, um vorbereitet zu sein. Ein Team um den Geoinformatiker Stefan Lang von der Uni Salzburg arbeitet seit 2023 daran, möglichst viele sozialwissenschaftliche Erkenntnisse zu Flucht und Migration mit Klimamodellen zu vereinen. Neben konkreten Umweltbedingungen und -risiken spielen auch Armut, Epidemien, bewaffnete Konflikte und öffentliche Stimmungsbilder eine Rolle.
Nicht jeder kann es sich leisten, auszuwandern. Andere wiederum scheuen die Gefahren, die etwa mit einer Reise von Afrika nach Europa verbunden sind. So bleibt für viele Anpassung oder Binnenmigration die erste und oft auch einzige Option. Spannend sind in dem Zusammenhang auch generationsübergreifende Phasen von Migration – von der Binnen- und saisonalen Migration über die Emigration ins Ausland bis hin zur Rückkehr ins Heimatland – sowie die zeitlichen Abläufe dieser Phasen.
In vielen afrikanischen Ländern ist Migration eine übliche regionale Adaptionsstrategie und gesellschaftlich fest verankert. Sie gilt es von durch Konflikte oder Katastrophen erzwungenen Fluchtbewegungen, die sich in temporären Siedlungen niederschlagen, zu unterscheiden. Lang nutzt nun die Technologie, um die Antworten auf drei wesentliche Fragen in diesem Spannungsfeld zusammenzuführen: Wie verändert sich das Klima in bestimmten Regionen? Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat das? Reagieren die Menschen darauf durch Anpassung oder Migration? „In der Vergangenheit wurden diese Aspekte relativ getrennt betrachtet, aber um das Gesamtphänomen besser zu verstehen, braucht es eine inter– oder transdisziplinäre Betrachtungsweise“, betont der Geoinformatiker. Wesentlich sei dabei auch, herauszufinden, ob es möglicherweise einen Schwellenwert beim Temperaturanstieg gibt, ab dem es tatsächlich zu einer Massenflucht kommt.
Für eine erste Fallstudie wurde Senegal, ein Land mit hoher Mobilität und einer guten Datengrundlage, ausgewählt. Hier steigt der Meeresspiegel beständig an, die Küsten erodieren und Sturmfluten häufen sich. Es wird erwartet, dass der westafrikanische Staat mit seinen 17,8 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern – die Hälfte ist unter 20 Jahre alt – bis 2050 vermehrt extreme Wetterereignisse erlebt. Diese könnten bis zu einer Million Menschen zur Migration zwingen. Lang: „Interessant ist aber natürlich der gesamte Sahelgürtel, da die Landesgrenzen mit den naturräumlichen Gegebenheiten nur bedingt zu tun haben.“
Erste Ergebnisse zeigen, dass sich die Migrationszyklen in den 2010er-Jahren geändert haben und der Weggang im Jahr 2016 plötzlich deutlich konzentrierter war. „Die Wanderungsbewegungen zwischen Stadt und Land ergeben ein relativ kompliziertes Muster, und wenn so etwas durchbrochen wird, ist das ein Indiz dafür, dass etwas anders ist.“ Neben der zeitlichen Ebene liefert auch die räumliche Dimension Informationen rund um Wanderarbeit und Ernteregionen: Wo werden welche Pflanzen angebaut und was ändert der Klimawandel daran?
Ausgehend von Modellen mit vergangenen Daten sollen in Kombination mit empirisch erfassten Daten auch Simulationen für die Zukunft abgeleitet werden. Klima- und Erdbeobachtungsdaten fließen genauso ein wie Siedlungsdynamiken, behördliche Statistiken, stichprobenartige Befragungen und Bewegungsprofile aus anonymisierten Mobilfunkdaten. Social-Media-Posts geben zusätzlich Hinweise auf Migrationsmotive, ökonomische Ressourcen und die öffentliche Meinung.
„Wir kennen das von der Wettervorhersage, dass man Modelle mit Echtdaten korrigiert und dadurch die Vorhersage verbessert wird“, erklärt Lang. „Wir bauen also bewusst Unsicherheiten ein, weil die Modelle sonst überangepasst sind und nicht mehr flexibel reagieren.“ Gefördert wird das von der Uni Malmö geleitete Projekt „Climb“ (Climate-Induced Migration in Africa and Beyond: Big Data and Predictive Analytics) von Wissenschaftsfonds FWF und Belmont Forum.
Lang leitet auch das Christian-Doppler-Labor Geohum (Geospatial and EO-based Humanitarian Technologies). Hier entwickeln er und sein Team mit Ärzte ohne Grenzen und Partnern Tools auf Basis von Satellitendaten, mit denen humanitäre Organisationen ihre Einsätze und Logistik für die medizinische Versorgung oder für Impfkampagnen optimieren können.
„Ohne diese Werkzeuge ist es sehr schwierig abzuschätzen, wie groß neu entstehende Flüchtlingslager werden. Dann fehlt die Planungsgrundlage“, sagt Lang. „Aber heute gibt es quasi weltweit keinen Hilfseinsatz mehr, bei dem diese Technologie, an der wir seit 2010 arbeiten, nicht eingesetzt wird.“