
Muss total irre gewesen sein vor ,dem System’.“ Es ist Amys erstes Date, arrangiert von einer KI. Früher mussten Menschen dieses „ganze Beziehungsding“ allein hinkriegen. Mit der KI sei es ja viel einfacher. Sie entscheidet, wer mit wem zusammen ist, und für wie lange. Aus jeder Beziehung nimmt die Software Erkenntnisse und Daten mit – bis zum perfekten Match. In 99,8 Prozent der Fälle findet „das System“ einem das „ultimativ kompatible“ Gegenstück.
So hat es die Science-Fiction-Horrorserie „Black Mirror“ 2017 vorausgesagt. Bewahrheitet hat sich die Gruselprognose bisher nicht. Keine KI schreibt uns liebestechnisch irgendetwas vor. Ihren Einfluss zu leugnen, wäre aber trotzdem blauäugig. Bumble, die zumindest zweitbeliebteste Dating-App im Wiener Raum, testet derzeit seinen KI-Assistenten „Bee“. Ein emsiges Robo-Bienchen, das Beziehungswerte der Nutzer verstehen, Matches danach auswählen und die auch begründen soll. Getestet wird die Funktion gerade bei ausgewählten Profilen in New York, ein breiterer Zugang ist ab Herbst geplant. Für den deutschsprachigen Raum gibt es allerdings noch keinen fixen Starttermin. Europa hinkt dem US-Markt für gewöhnlich hinterher.
„Bee“ soll eine neue junge Zielgruppe befliegen und gefrustete Nutzer erheitern. Viele von ihnen sind nämlich swipe-müde geworden. Jenes Wischkonzept, mit dem Tinder 2012 an den Start ging, hat an Reiz verloren. Zwar hat es der Partnersuche etwas Spielerisches (und ordentlich Suchtpotenzial) verliehen, „genau deshalb fällt es aber vielen schwer, das Ganze ernst zu nehmen“, sagt Kathryn Coduto, Medienwissenschaftlerin an der Boston University, per Zoom-Call der „Presse“. Seit knapp zehn Jahren erforscht die 34-Jährige die Nutzung von Dating-Apps und wie Menschen über digitale Räume Beziehungen aufbauen.
Viele, sagt sie, seien erschöpft vom zweidimensionalen Suchen nach der Liebe. Einer Umfrage von Forbes Health zufolge sind es gar 78 Prozent der Dating-App-Nutzer. Medien nennen das „swiping fatigue“ oder auch Dating-App-Burnout. Tinder und seine Nachahmer wie Bumble verlieren folglich zahlende Nutzer, beide verzeichneten im heurigen ersten Quartal einen Umsatzrückgang.
KI soll also, wie so oft, helfen. Neben Bumble testet auch Tinder schon ein KI-gestütztes Feature, das per Analyse von Fotos und bestimmten Angaben besser kuppeln soll. Bisher verfügbar in Australien, Neuseeland, der USA und Kanada. Überhaupt haben die vergangenen zwei Jahre eine Reihe von KI-Matchmaking-Apps hervorgebracht; darunter Fate, Sitch und Amata. Nutzer werden dort von der KI interviewt, bekommen dann eine Handvoll potenzielle Liebespartner vorgeschlagen. Statt einer Abogebühr zahlt man pro arrangiertem Date; Amata hebt für ein solches 20 Dollar ein. Erst zwei Stunden vor dem Treffen erlaubt die App, Kontakt zum oder zur Auserwählten aufzunehmen. Neben passgenaueren Treffern, heften sich die Dienste einen niederschwelligeren Zugang zu professionellem Matchmaking auf die Fahnen. Für einen Heiratsvermittler bezahlt man nämlich in den USA üblicherweise 5000 Dollar aufwärts.
»Die kleinen menschlichen Eigenheiten wird die KI nie berücksichtigen können.«
Kathryn Coduto
US-Medienwissenschaftlerin
Gar erwartungsfroh ist wohl die Prognose von Amata-Mitgründer Ludovic Huraux, die besagt, dass in nur fünf Jahren eine „persönliche“ KI-Partnervermittlerin die Norm sein wird. Forscherin Coduto glaubt das nicht. „Viele Menschen, die online daten, fühlen sich mit der Explosion künstlicher Intelligenz in diesem Kontext wirklich unwohl.“ Dabei durchzieht sie die digitale Liebessuche längst. Algorithmen innerhalb der Apps arbeiten zum Teil bereits KI-gestützt, ihr Einsatz ist nur subtiler. Profile wurden bislang nicht zwingend nach der besten Kompatibilität gereiht, eher wurden besonders aktive Nutzer bevorzugt. Markanter war Ende 2025 ein neues KI-Feature der App Hinge: „Convo Starters“. Es soll personalisierte Denkanstöße für den Gesprächseinstieg liefern. Schreiben muss man die Nachricht noch brav selbst – also theoretisch. Nach einer repräsentativen Umfrage nutzt jeder Fünfte in Deutschland die KI, um sich beim Formulieren von Nachrichten helfen zu lassen.
Das, obwohl sich die meisten authentischere Begegnungen wünschen. Der Hunger nach glücklichen Zufällen (oder sei es das Schicksal) ist groß. Sicher schaut auch deshalb die so viel zitierte Generation Z gern alte Liebesfilme voller „Meet-Cutes“, so nennt man charmant-witzige erste Begegnungen zweier Menschen, die sich schon bald ineinander verlieben. Die Popularität von Liebesromanen (TikTok ist voll damit) dürfte ebenfalls mit hineinspielen. In Boston würden Singles tatsächlich wieder vermehrt auf analoge Partnersuche gehen, meint Coduto, Speed-Dating-Abende seien zuletzt wieder besser besucht, häufig gar ausverkauft. Für Großbritannien meldete Eventbrite um 42 Prozent mehr Zulauf zu solchen Veranstaltungen in nur einem Jahr, und auch in Wien blühten einzelne analoge Angebote auf.
KI würde uns demnach wieder in die Welt hinaustreiben, „weil sie uns verdeutlicht, wie arg unauthentisch dieses Datingerlebnis sein kann“, meint Coduto. Menschen würden gerade ihre romantischen Beziehungen stark schützen wollen. Für KI-Hilfe sieht die Wissenschaftlerin dort trotzdem einen Nutzen: „Die Sicherheit auf Dating-Apps ist immer noch lückenhaft, hier könnten uns neue Technologien wirklich helfen.“ KI könnte problematische Nachrichten und unerwünschte Fotos (Stichwort: Dick Pics) abfangen, bevor sie gesehen werden. Vielleicht sogar die Angaben der Nutzer auf Echtheit prüfen. Ein bisserl paradox, soll sie doch jene Täuschungen entlarven, die sich mit ihrer Hilfe immer leichter produzieren lassen.
Dating-Apps jedenfalls, da ist sich Coduto sicher, werden uns bleiben. Der Wischmüdigkeit der Singles zum Trotz. Und KI wird entgegen aller Skepsis weiter Einzug halten, wenn auch nicht voll umfassend: „Die kleinen menschlichen Eigenheiten wird sie nie berücksichtigen können.“ Selbst dann nicht, wenn sie darauf getrimmt wurde, so zu sprechen und schreiben wie man selbst. Bei den nonverbalen Signalen endet ihre Rechenkunst dann doch.
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