Jeder Marathon erzählt eigene Geschichten, die 43. Auflage des Wien-Klassikers lieferte eine besondere: Mit der Äthiopierin Tigist Gezahagn, 26, gewann eine Paralympics-Siegerin in Rekordzeit.
Wie sich die Bilder doch ähneln: Zieht der Wien-Marathon seine Menschenschlange durch die Bundeshauptstadt, ist es für viele ein Fest. Für über 49.000 Starter ist es ein Lauffestival, das an diesem Sonntag bei doch überraschend warmen Temperaturen die Massen anlockte an den 42,195 Kilometer langen Straßenrand. Es wurde applaudiert, man rief die Namen – sofern man sie lesen konnte auf der Startnummer – und auch abseits der Strecke gesprintet, weil manch Kellner entlang der Ringstraße ein „Extra“ dazuverdienen wollte. Straßensperren seit 4:15 Uhr früh hatten ebenso dafür gesorgt, dass der klassische Wiener Autofahrer weit vorausblickend informiert gewesen sein sollte, dass der Marathon an diesem Sonntag Vorrang hat. Doch auch hier, ein bekanntes Bild: Der vor dem Schottentor gestoppte, aufgeregt gestikulierende BMW-Fahrer verabschiedete sich mit tüchtiger Portion Grant.
Auch die 43. Auflage dieses Laufklassikers, der seinen Weg von der Wagramerstraße durch den einzigartigen Prater und seine Hauptallee bis zur Oper, Schönbrunn und letzten Endes bis zum Finish vor dem Burgtheater findet, faszinierte mit Ablauf, Emotion – und Enttäuschungen. Rekordhalter Aaron Gruen musste kurz vor der Halbdistanz aufgeben, er schien weder mit Tempo noch Temperatur Freude zu haben.
Dass der Medizinstudent und Cellist tags zuvor den Takt gehalten hat beim Konzert mit den Symphonikern im „Goldenen Saal“ des Musikvereins, muss erwähnt sein – es war Teil der ganzen Choreographie des Vienna City Marathons in diesem Jahr. Samt des Wunsches, neue Bestzeiten zu feiern. Er sagte: „Ich habe schon am Start gespürt, dass es schwer wird. Ab Kilometer 15 war es mein Eindruck, als wären die Beine nicht da. Da wusste ich, dass ich es nicht ins Ziel schaffe, daher habe ich das Rennen aufgegeben. Es war körperlich und mental sehr schwierig.“
Fanny Kiprotich im Ziel GEPA pictures / Edgar Eisner
Bei den Herren blieb es beim Verlangen, der 24-jährige Fanny Kiprotich aus Kenia siegte unbedrängt in 2:06:54 Stunden. Den Wien-Rekord (2:05:08 h) verfehlte er jedoch ebenso eindeutig. Es liegen Welten zwischen Wien (inzwischen Mitglied der European Marathon Classics) und anderen Events, die sich einen Weltrekord leisten müssen, um im Wettrennen mit Sponsoren und Stellenwert den letzten Schritt vorne zu haben. Daher, nur als wegweisender Vergleich: Der aktuelle Marathon-Weltrekord durch Kelvin Kiptum († 2024) liegt bei 2:00:35 Stunden beim Chicago Marathon 2023.
Jeder Marathon erzählt seine eigene Legende, und die beste hatte 2026 eine Frau auf Lager. Die Äthiopierin Tigist Gezahagn lieferte den mit 10.000 Euro dotierten Rekord, gewann in 2:20:06 Stunden. Der Sieg ist 15.000 Euro wert. So viel zu den Zahlen und dem Jubel, Gezahagn unterbot den vier Jahre alten VCM-Rekord der Kenianerin Vibian Chepkirui (2:20:59). Jeden ihrer Schritte jedoch begleitete Bewunderung, das wussten allerdings nicht viele im Feld, schon gar nicht entlang der Strecke: Die 26-Jährige ist sehbehindert.
Eva Wutti war die schnellste Österreicherin, APA / APA / Max Slovencik
Sie gewann bereits 2020 und 2024 Gold bei den Paralympics über 1500 Meter in der Klasse T13. Das bedeutet laut Definition von „World Para Athletics“ ein eingeschränktes Sehvermögen auf einen Radius von weniger als 20 Grad. Gezahagn kann einen Tennisball erst ab fünf Meter Entfernung erkennen. Dass Tempomacher in ihrem Fall auch als „Guide“ tauglich sein müssen, ist essenziell. Umso mehr ist diese Leistung zu bewundern.
Andreas Vojta war als Neunter schnellster Österreicher. APA / APA / Max Slovencik
Anerkennung und Respekt verdiente sich jeder Starter, vor allem aber die, die es auch bis ins Ziel ihrer Bewerbe geschafft haben. Weil Gruen aufgeben musste, wurde Andreas Vojta in 2:15:07 Stunden als Neunter bester Österreicher und zweitbester Europäer. Schnellste Österreicherin wurde die Juristin Eva Wutti als Zehnte in 2:42:37 h.