Sechsunddreißig Jahre lang hatte meine Mutter in ihrer kleinen Wohnung in Wien, Leopoldstadt, gelebt. An dem Tag, als sie in ein Pflegeheim umzog, fragte ich sie, bevor ich sie in ihrem Rollstuhl hinaus auf den Gang und dann weiter zum Lift schob, ob sie sich noch einmal umdrehen und zurückschauen möchte.
Nein, erwiderte sie trocken. Sie habe mit der Wohnung abgeschlossen.
Meine Mutter, Jahrgang 1938, von Beruf Mathematikerin, ist ein nüchterner, pragmatisch denkender Mensch. Wäre sie das nicht, hätte sie es in ihrem Leben, das in der schlimmsten Zeit des Stalin-Terrors in der Sowjetunion begann und Krieg, Verfolgung, Flucht und Migration umfasste, noch viel schwerer gehabt. Ihre Reaktion beim endgültigen Verlassen ihrer Wohnung überraschte mich dennoch – immerhin hatte sie nirgendwo so lange gelebt wie hier; mein Vater war in dieser Wohnung gestorben; unzählige Freundinnen und Freunde und Verwandte aus aller Welt wurden hier von meiner Mutter bewirtet und hatten hier übernachtet, und nachdem ich ausgezogen war, fanden die Treffen mit meiner Mutter jahrzehntelang fast ausschließlich in ihrem Wohnzimmer statt.
Ich schob meine Mutter hinaus und zog die Tür hinter mir zu – es gab keine Abschiedsrituale, die wir uns überlegt hatten, keine Seufzer, keine Tränen. Alles lief nach Plan – der Lift funktionierte, der Transportwagen kam wie bestellt, die zwei Koffer meiner Mutter hatten darin Platz. Ihr nächstes Domizil, das Pflegeheim, werde definitiv auch ihr letztes sein, meinte sie. Ich hatte zwar nicht den Eindruck, sie sei tatsächlich so „cool“, wie der Anschein, den sie zu vermitteln versuchte, aber ich wollte ihr nicht zu nahe treten und blieb ebenfalls im Rahmen einer selbstauferlegten Gefühlskontrolle – eine Rolle, die ich seit meiner Kindheit zu spielen verstehe. Immerhin bin ich der Sohn meiner Mutter.
Es gibt beneidenswerte Menschen, die ihr Leben lang im selben Haus leben und damit zufrieden sind. Bei meiner Mutter, bei ihrer Familie und bei mir war das anders – wir wohnten auch in Absteigen, Notunterkünften, Pensionen, Zugabteilen, Güterwaggons oder Bahnhofshallen. Zeitweise musste sich meine Mutter in ihrer Geburtsstadt Leningrad ein kleines Zimmer mit ihrem Bruder und seiner Frau teilen, wobei sich ihre Schlafstatt in einem Schrank befand, in den sie hineinkriechen musste. Ich selbst erinnere mich gut an Wiener Substandardwohnungen mit Wasser und Toilette am Gang, an die Klopapierrolle, die ich nach jedem Toilettenbesuch wieder mitnehmen musste, weil sie sonst von den Nachbarn verbraucht worden wäre, an Koks und Briketts, die ich vier Stockwerke hinauftragen musste, an Küchenschaben, die über mein Kissen und meine Wangen gekrabbelt waren, an tote Mäuse, an den modrigen Geruch alter, feuchter Wände und an eine kleine, finstere Küche mit einem winzigen Fenster, in der mein Bett und mein Schreibtisch standen, weil es sonst nirgendwo Platz dafür gab.
Der Umzug meiner Mutter ins Pflegeheim, das Auf- und Ausräumen ihrer Wohnung und die Rückgabe an die Eigentümerin, eine Genossenschaft, aktivierte jene Erinnerungen und Gefühle, die ich längst „unter Kontrolle“ zu haben glaubte. Dass die Zeit alle Wunden heilt, ist nichts als eine schöne Illusion.
Meine Beziehung zu Wohnräumen war von frühester Kindheit an sehr ausgeprägt. Das habe ich mit meiner Mutter gemeinsam. Sobald ich irgendwo ein Bett habe, ist es für mich mein „Zuhause“. Noch heute sage ich, wenn ich irgendwo unterwegs bin, dass ich nicht zurück ins Hotel, in die Herberge oder zu Freunden, sondern „nach Hause“ gehe, um zu übernachten. „Zuhause“ konnte sich von einem Augenblick auf den anderen verändern, es war nicht festzuhalten und hatte wohl gerade deshalb meist einen großen emotionalen Wert. Als ich im Alter von nicht ganz fünf Jahren mit meinen Eltern aus der Sowjetunion auswanderte, erfuhr ich erst in unserer ersten Flüchtlingsunterkunft, dass wir nie mehr in meine Geburtsstadt zurückkehren würden. Also prägte ich mir unsere Leningrader Wohnung und die Gegend, in der ich mit Eltern und Großmutter gelebt hatte, gut ein und habe sie heute noch vor Augen. Auch meine Mutter kennt den genauen Grundriss der Wohnung, in der sie ihre ersten Lebensjahre verbrachte, in der sie während des Krieges fast verhungert wäre und die sie mit viereinhalb Jahren für immer verlassen musste. Sie weiß, wo welche Möbel standen und welchen Blick sie aus dem Fenster ihres Schlafzimmers hatte.
»Vermieter und Immobilienmakler – in meiner Kindheit und Jugend waren das für mich nur böse Menschen.«
Wohnraum ist fast überall auf der Welt knapp und teuer, auf der Straße zu landen eine stets reale Gefahr. Zwar ist das heute für mich längst Vergangenheit, das damit verbundene Gefühl und die daraus resultierenden Ängste sind aber weiterhin präsent.
Es gab Zeiten, da konnte man in österreichischen Wohnungsanzeigen lesen, dass man nicht an Ausländer vermiete. Wenn meine Eltern erklärten, sie seien schon österreichische Staatsbürger, erwiderte der Makler „mit Bedauern“, der Hausherr vermiete „leider“ nur an „echte“, nicht aber an „naturalisierte“ Österreicher. Vermieter und Immobilienmakler – in meiner Kindheit und Jugend waren das für mich nur „böse Menschen“.
Wien, 1979: Ich sehe, wie mein Vater den Vermieter unserer Wohnung verprügelt – vor meinen Augen. Mutter versucht vergeblich, Vater zu beruhigen. Der Vermieter schreit, steht auf und wird von meinem Vater wieder zu Boden gestoßen. Ich bin dreizehn Jahre alt und in einer Art Schockstarre gefangen. Ich schwanke zwischen Abscheu, Angst und Bewunderung für meinen Vater und weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Als alles vorbei ist, mache ich wohl das einzig Richtige: Ich schweige.
Einige Jahre später – ich bin schon einundzwanzig – weigert sich ein Immobilienmakler, meinen Eltern nach der Wohnungsrückgabe die Kaution zurückzuzahlen, weil ihn mein Vater angeblich beleidigt und bei der Maklerinnung angeschwärzt habe. Mein Vater möge sich bei ihm entschuldigen, erst dann werde er das Geld zurückbekommen, erklärt mir der Makler am Telefon und legt auf, bevor ich etwas erwidern kann. Jahrelang hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich dem cholerischen Verhalten meines Vaters und den illegalen Machenschaften des Maklers nichts hatte entgegensetzen können. Meine Eltern sahen ihr Geld nie wieder.
Einige Jahrzehnte später finde ich alte Meldezettel, als ich gerade dabei bin, die Wohnung meiner Mutter aufzuräumen. Ich habe bis heute noch nicht entschieden, ob ich sie wegwerfen oder behalten soll. In der ehemaligen Wohnung meiner Mutter finden meine Frau und ich alte Gehaltszettel, abgelaufene Pässe, Briefe, sowjetische Zeugnisse, zwanzig Zahnbürsten – die meisten davon noch in Originalverpackung –, mindestens ein halbes Dutzend völlig gleich aussehender Leggings, Berge von Socken und Unterhosen, gebrauchte Schrauben und Nägel, jedes einzelne Stück in eine Plastiktüte gelegt und mit einem Knopf verschlossen, Beipackzettel von längst verbrauchten Medikamenten und unverbrauchte Medikamente, die längst abgelaufen sind, Toilettenpapier für die nächsten zwei Jahre. Und Kartonschachteln – gefühlt fünfzig Stück oder mehr … Es dauert Monate, bis wir alles durchgeschaut, sortiert, entsorgt, verschenkt oder in unsere Wohnung transportiert haben – Mosaiksteine eines ganzen Lebens, in denen schemenhaft auch mein eigenes durchscheint. Oft kommt es mir vor, als hätte ich sumpfigen Grund unter den Füßen, als würde er nachgeben, als müsste ich jeden Augenblick untergehen …
Allzu oft hatte meine Mutter auf der Flucht oder während der Migration alles zurücklassen müssen und zudem in der Mangelwirtschaft des Ostblocks überleben müssen. Dort kaufte man auf Vorrat, wenn es etwas zu kaufen gab, und warf selten etwas weg. Dieses Verhalten hat meine Mutter im Westen nie ganz aufgeben können, und ich habe es von ihr übernommen, wenn auch nicht in derselben „Konsequenz“ wie sie. Doch auch ich besitze manche Gegenstände „für den Fall der Fälle“ doppelt oder dreifach und horte alte Sachen, die ich als „Erinnerungsstücke“ bezeichne, von denen ich aber weiß, dass ich sie nie mehr brauchen, ja wahrscheinlich nie mehr anschauen werde …
Ich hätte einfach eine Firma beauftragen sollen, um alles rasch entsorgen zu lassen, statt unnötigerweise weiterhin Miete zu zahlen und mich monatelang intensiv mit ihren Sachen zu beschäftigen, meint Mutter. Sie selbst brauche nichts mehr davon. Aber noch ein halbes Jahr nach dem Umzug fragt sie mich nach bestimmten Kleidungsstücken und Gegenständen, die ich ihr ins Pflegeheim bringen solle. Manches davon habe ich tatsächlich noch nicht weggegeben.
In der „Schwerpunktliste“ bezüglich des „Zustands der Wohnung bei Rückstellung an die Vermieterin“, die mir die gemeinnützige Wiener Genossenschaft zuschickt, heißt es im Befehlston beispielsweise: Mauerwerk muss in Ordnung sein; das Fliesenschild in der Küche ist generell zu entfernen und der Untergrund ebenflächig zu verspachteln; normale Abwohnung des Bodenbelags wird akzeptiert; in den Wohn- und Schlafräumen wird keine Verfliesung am Boden akzeptiert; fehlende Wand- und Bodenbeläge sowie das Fehlen von Sockelleisten werden nicht akzeptiert; Silikonfugen müssen ordnungsgemäß und sauber übergeben werden … Worte und Formulierungen wie „müssen“, „ist zu machen“, „ist zu entfernen“, „werden nicht akzeptiert“ flimmern vor meinen Augen. Die Liste ist zwei Seiten lang und schließt mit dem Satz: Diese Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
»Die Wohnung meiner Mutter ist ordnungsgemäß geräumt und hergerichtet, sogar die Fenster sind geputzt, obwohl die Wohnung generalsaniert wird. «
Es kostet mich viel Kraft und mentale Arbeit, um nicht in meine Gefühlswelten von vor vierzig oder fünfzig Jahren zurückzufallen. Ich bin kein armer Migrant mehr, den irgendwelche Leute, die sich wichtig vorkommen, in „Ausländerdeutsch“ herumkommandieren können. Die Wohnung meiner Mutter ist ordnungsgemäß geräumt und hergerichtet, sogar die Fenster sind geputzt, obwohl es klar ist, dass die Wohnung von der Genossenschaft generalsaniert werden muss. Trotzdem steigt meine Nervosität, als der 19. Juni, der Tag der Wohnungsrückgabe, näher rückt, die Nächte werden schlafloser und länger, die schlechten Erinnerungen plastischer, düsterer und scheinbar gegenwärtiger.
Meine Freundinnen und Freunde können nicht nachvollziehen, wovor ich mich fürchte. Davor, dass ich so unfreundlich behandelt werde wie in früheren Zeiten? Vor allfälligen Mehrkosten, die mir anfallen könnten? Vor meiner eigenen Wut, die in mir aufkommen könnte, wenn sich ein Mitarbeiter der Genossenschaft nicht korrekt verhält? Das alles sind Befürchtungen, die ich sehr wohl auch selbst habe, doch stehen sie für mich nicht im Vordergrund. Meine größte Angst ist vielmehr, dass sich die Wohnungsrückgabe aus irgendeinem Grund verzögert oder gar nicht klappt und die ehemalige Wohnung meiner Mutter mit allen damit verknüpften Erinnerungen noch längere Zeit an mir hängen bleibt wie ein tonnenschweres Gewicht, das mich stets hinabzieht.
Es kommt anders: Die beiden Herren, die an diesem denkwürdigen 19. Juni die leer geräumte Wohnung betreten, verhalten sich korrekt und machen einen freundlichen, beinahe gutmütigen Eindruck. Wann hatte ich das jemals bei den neunzehn Umzügen meines Lebens (Heime, Hotels, Pensionen und andere provisorische Unterkünfte nicht mitgerechnet) von einem Vermieter erlebt? Wann hatte ich es jemals in ähnlichen Situationen erlebt, dass nichts beanstandet wurde, dass ich nicht gerügt oder verhöhnt, kritisiert oder gar beschimpft wurde? … Haben sich die Zeiten wirklich geändert?
„Sechsunddreißig Jahre in derselben Wohnung!“ Einer der beiden Herren ist begeistert. Ob das so ungewöhnlich sei, möchte ich wissen. „Ja, absolut“, erwidert er. „Heute ziehen die Leute meist schon nach ein bis zwei Jahren um. Und das immer wieder. Wir haben Wohnungen gesehen, die uns in einem viel schlechteren Zustand zurückgegeben wurden als Ihre, und das von Leuten, die viel kürzer darin gelebt hatten als Ihre Mutter. Bei Ihnen passt alles.“ Ich bin beglückt und erstaunt zugleich. Ist das möglich? Hat er meine Mutter tatsächlich gelobt? Ja, gibt’s denn so was? Da könnte man ja sogar ein bisschen etwas von seinem verlorenen Glauben an die Menschheit wiedererlangen!
Nach der Wohnungsrückgabe gehe ich im Wiener Augarten spazieren. Wann werden Räume zu Lebensräumen, zu Kraftspendern, zu Quellen der Lebendigkeit, frage ich mich. Vielleicht dann, wenn sie nicht einfach aus dem eigenen Leben verschwinden oder einem genommen werden können wie allzu viele ehemalige Wohnräume von Menschen, die gezwungen sind, wegzuziehen, delogiert oder vertrieben werden oder flüchten müssen, wenn Umzüge nicht mehr als bedrohliche Endzeitszenarien erlebt werden und Erinnerungen nicht primär mit Angst und Wehmut verbunden sind. In meinem Fall sind besagte Lebensräume keine Wohnungen oder andere Unterkünfte – mit Ausnahme jener Wohnung, in der ich heute zu Hause bin und die hoffentlich meine letzte sein wird –, sondern Außenbereiche, Parkanlagen wie der Augarten, Gärten, Landschaften, die mich inspirieren, Fluss- und Meerespromenaden. Krafträume! Schon als Kind, als ich mit den Eltern in der an den Augarten grenzenden Wasnergasse gewohnt hatte, wusste ich, dass mich wohl niemand aus dem Park, in dem ich mich tagsüber meist stundenlang aufhielt, vertreiben würde. Dort gab es keinen Hausherrn oder Makler, der mir „meine“ Parkbank oder mein Versteck im Gebüsch streitig machen wollte. Parkanlagen, ja ganze Landschaften, können verändert, verunstaltet, durch Menschen und den Klimawandel zerstört werden, doch passiert das seltener als mit Häusern oder Wohnungen, vor allem aber bleiben sie sichtbar und in den meisten Fällen zugänglich. Wie oft hingegen habe ich schon einen letzten Blick in eine Wohnung geworfen, von der ich wusste, dass ich sie in meinem Leben nie mehr wiedersehen würde.
Ich sitze im Augarten auf einer Parkbank, die sich etwa an derselben Stelle befindet wie jene, auf der ich vor fünfzig Jahren als Kind oft gesessen bin, betrachte die Bäume, die Sträucher, die Vögel um mich herum und spüre, wie die Spannung von mir weicht, wie mein Puls und mein Blutdruck sinken. Ich denke an die schönen Momente, die ich in der Wohnung meiner Mutter erlebt habe. Erst jetzt und hier, an diesem Ort, kann ich sie abrufen und mich daran erfreuen. So bleibe ich einige Zeit sitzen, ohne auf die Uhr zu schauen. Dann nehme ich mein Mobiltelefon und rufe meine Mutter im Pflegeheim an.
Vladimir Vertlib: Geboren 1966 in Leningrad, UdSSR. 1971 emigrierte die Familie nach Israel, dann nach Italien, in die Niederlande und die USA, bevor sie nach Österreich kam. Vertlib lebt als Schriftsteller in Wien und Salzburg und wurde unter anderem mit dem Anton-Wildgans-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien heuer der Roman „Der Jude der Kaiserin“ (Residenz).