Schon einmal in High Heels samt Schleppe und Geige in zehn Sekunden einen 40-Meter-Sprint hingelegt? Oder sich von Bühnenarbeitern an eine Glitzer-Sicherung hängen lassen, um auf einem Podest auf einem goldenen Flügel mehrere Meter in die Luft zu schweben, während man eine dramatische Ballade schmettert? Das war das angekündigte Duell im Finale des Eurovision Song Contests 2026: Finnland gegen Australien. Davon redeten zumindest alle. Es sollte schließlich anders kommen.
Das finnische Sänger-Violinistinnen-Duo Linda Lampenius und Pete Parkkonen war mit dem wuchtigen „Liekinheitin“ von Anfang an Favorit des Liederwettstreits, der nach dem Vorjahressieg von Johannes Pietsch alias JJ in Basel heuer in der Wiener Stadthalle über die Bühne ging. Dann schien das Momentum beim australischen Popstar Delta Goodrem zu liegen, die mit der Powerballade „Eclipse“ Tag für Tag in der Fangunst und in den Wettquoten aufzuholen schien. Und dann war es doch die große Sensation: Bulgarien stahl beiden die Show und Dara sang und tanzte sich mit ihrem eingängigen „Bangaranga“ in die Herzen sowohl von Jury als auch Publikum und gewinnt den 70. Song Contest. Australien wurde schließlich vierter, Finnland sechster.
Und dann war da ja noch Israel, dessen Teilnahme umstritten war und dessen Vertreter Noam Bettan stets als Anwärter auf einen Spitzenplatz gegolten hatte und am Samstag mit seiner Stimme und dem charmanten Song „Michelle“ durchaus überzeugte. Als Israel sich während der Verkündung der Publikumspunkte an die Spitze setzte, gab es viele Buhrufe. Der Song Contest in Tel Aviv? Erst als die Publikumspunkte für die nach dem Juryvoting erstplatzierten Bulgarien verkündet wurden, war klar: Israel wird doch Zweiter. Da sind wohl ein paar Steine vom Herzen einiger Verantwortlichen der Europäischen Rundfunkunion EBU gefallen, dass der Song Contest 2027 erstmals nach Bulgarien zieht.
Die Darbietungen der Topfavoriten Finnland und Australien waren plakative Beispiele dafür: Es ist eine Show, die naturgemäß für die kolportierten 160 Millionen Fernsehzuseher produziert wird und die für die Zuseher in der Wiener Stadthalle zur großen Leistungsshow der Bühnenarbeiter, Techniker und Kameraleute wird. In der Halle eher Hinter-der-Kulisse-Gefühl als ein Konzertereignis. Im TV: Hochglanzbilder mit Hang zur Überinszenierung.
Dieser bis ins kleinste Detail durchgetakteten Show fällt es schwer, spontane Momente zu kreieren, das wusste wohl auch das Moderationsduo Victoria Swarovski und Michael Ostrowski im Vorhinein. So plauderten die beiden ihre Moderationen routiniert und locker in die Kameras. Diese Art von gescriptetem Humor bleibt Geschmackssache – wie auch die Outfits von Ostrowski.
Swarovski und Ostrowski im ersten Outfit des Song-Contest-Finales am Samstagabend in der Wiener Stadthalle. Imago / Luka Kolanovic
Dass jede Kameraeinstellung, jeder Blick präzise geprobt wird, ist für eine Fernsehshow dieses Ausmaßes verständlich, raubt den Künstlern aber jegliche Möglichkeit, wirklich mit dem Publikum in der Halle in Verbindung zu treten. Wer schafft es, sich in diesem auf die Sekunde genauen Ablaufplan von Licht, LED-Wand, Kamerafahrten und Choreografien authentisch zu präsentieren? Auffällig war, wie viele Delegationen dabei auf irgendeine Art von aufgebautem Kammerl oder Glitzerkabinett als Teil der Bühnenshow setzten, um im TV eine scheinbare Nähe zu suggerieren. Gleichzeitig blieben Teile davon für das Saalpublikum vollkommen verborgen. Auch der bulgarische Siegersong „Bangarang“ ist zu einem hohen Anteil in Kulissen dieser Art choreografiert, geht aber irgendwie ins Ohr, hat einen tanzbaren Beat in wechselndem Tempo und mit Dara eine überaus sympathische Sängerin, die mit kreativer Choreografie und dezenten, durch die Pop-Elemente schimmernden Folklore-Fragmenten ordentlich Stimmung machte.
Generell fiel es Songs aus der Kategorie „Spaß“ im Sinne von „Party“ noch einfacher, mit authentischer Energie und Verbindung zum Publikum zu punkten. Moldau (Satoshi mit „Viva Moldova!“) gab ebenfalls ordentlich Gas – nur ja nicht auf den Text hören. Guten Techno-Schwung samt Laser-Show brachte Felicia für Schweden in die Stadthalle, die am Nachmittag Fans noch mit Schlagzeilen zu ihrem Gesundheitszustand Sorgen bereitete.
Österreich hielt stimmungstechnisch beim Heimspiel durchaus mit. Cosmó und das Creative-Team des ORF haben eine gute Show auf die Bühne der Wiener Stadthalle gestellt. Der 19-Jährige, der mit bürgerlichem Namen Benjamin Gedeon heißt, hat den Balance-Akt zwischen Performance und unzähligen Medienterminen freundlich und professionell gemeistert. Auf der Bühne gelangen ihm im Finale die Wechsel von tieferem Sprechgesang in höhere Gesangslagen weniger spielerisch als noch im Halbfinale, aber trotzdem souverän. Die Halle hatte er ohnehin auf seiner Seite. Wer viele Punkte sammeln will, muss mehr herausstechen, klarer in eine Richtung gehen, was Genre, Künstler, Intention betrifft. Am Ende wurde es der vorletzte Platz. Einen Punkt gab es von der Jury, fünf vom Publikum. Mit mehr hatte angesichts der Wettquoten zuvor auch niemand gerechnet.
Souverän auch Cosmós Reaktion auf das Ergebnis: „Wir haben der Welt gezeigt, wie easy es ist, gemeinsam zu tanzen“, sagte der Musiker. „Das war immer mein Ziel: dass wir unser Bestes geben, dass wir die Halle zum Tanzen bringen. Die Halle war die größte Freude, das größte Geschenk meines Lebens.“ An die Reaktion der Fans werde er sich ein Leben lang erinnern.
Cosmó im Song-Contest-Finale mit Gitarrist und Bühnen-Kompagnon Sandro Humitsch. Reuters / Lisa Leutner
Spannend wird es für den jungen Sänger, wenn er den blauen Stern abschminkt und womöglich wieder Musik unter seinem eigenen Namen macht, falls er nicht seinem neuen Künstler-Ich treu bleibt. Jedenfalls steckt da ein großes musikalisches, gesangliches Talent unter Schminke und Alu-Brustpanzer.
Der Mix aus Genres und Klangfarben macht den ESC zu etwas Besonderem und lässt ihn manchmal auch so absurd erscheinen. Wenn Pop und Rock neben härteren Klängen, Folk und Rap und Operntönen stehen – dann hat jeder etwas zu entdecken – oder fürchterlich zu finden. Richtig schlecht gemachte Beiträge gibt es nicht mehr. Über „schlechte Musik“ lässt sich ohnehin streiten. Selbst „Look Mum No Computer“ aus Großbritannien mit „Eins, zwei, drei“ hat ein paar Fans gefunden – auch wenn es dann schlussendlich der letzte Platz wurde, mit einem Punkt der Jurys und ohne Punkte vom Publikum.
Auf dem 23. Platz landete übrigens der deutsche Beitrag. Sarah Engels „Fire“ konnte weder Jury noch Publikum ausreichend überzeugen. Somit blieben die letzten drei Plätze des Klassements für deutschsprachige Songs bzw. Songs mit deutschen Elementen („Eins zwei drei“) reserviert.
Manche Acts scheitern an ihrem Übereifer. Frankreich (Monroe mit „Regarde!“) will unnötigerweise Chanson mit Klassik verknüpfen, Griechenland (Fanliebling Akylas mit „Ferto“) lässt den Hip-Hop nie richtig von der Leine und streut einen ruhigen Gesangsteil ein. Die Ukraine (Leléka mit „Ridnym“) setzt auf ruhige Töne, lässt den Beat dann nur einen Spalt breit in den Song und setzt dann noch einen effekthascherischen 30 Sekunden lang gesungenen Ton ein. Selbst beim solide-rockigen, kalkuliert-provozierenden „Choke Me“ muss Alexandra Căpitănescu ein paar klassische Töne einstreuen, um mehr aufzufallen. Rumänien rangierte am Ende sogar auf dem dritten Platz – noch vor Australien und Finnland.
Delta Goodrem, die neue australische Säulenheilige der Song-Contest-Fans. APA / APA / Georg Hochmuth
Gute Stimmen gab es insgesamt einige zu bewundern in diesem Song-Contest-Finale am Samstagabend. Neben den ursprünglich als Favoriten gehandelten Goodrem bzw. Parkkonen ist sicher der junge Tscheche Daniel Žižka zu nennen, dessen Song vielleicht einen Hauch zu düster war, um wirklich große Fanmenge zu erreichen. Oder die Polin Alicja, die ihr vokales Können zeigte, aber mit dem konturlosen Pop-Gospel-Titel „Pray“ ebenfalls nicht das richtige Lied parat hatte für große Punkte.
Apropos große Stimmen: Highlight im Rahmenprogramm war definitv Cesár Sampson, der Billy Joels Song „Vienna“ wunderschön sang – und das live!
Was bleibt also? Der ORF hat unter der Ägide von Chef-Producer Michael Krön sicher vieles richtig gemacht. Die harte Arbeit hat sich ausgezahlt. Das Team hat mit dem 70. Eurovision Song Contest ein Top-TV-Event auf die Bühne der Wiener Stadthalle gebracht. Der Song Contest selbst muss sich allerdings einmal mehr hinterfragen. Die Israel-Frage bleibt ungeklärt. Der Bewerb ging heuer mehr oder weniger ohne Komplikationen über die Bühne, aber wie lange kann es sich die European Broadcasting Union EBU noch leisten, wesentliche Teilnehmerländer wie Spanien nicht dabei zu haben? Wie lange muss man darüber diskutieren, wie man etwa mit Buhrufen umgeht? Und noch eine rhetorische Frage: Was wäre gewesen, wenn Israel gewonnen hätte? Nur Hoffen, dass der Fall nicht eintritt, um Kontroversen zu entgehen, ist keine Zukunftsstrategie.
Das Finalergebnis des Eurovision Song Contests in Wien
1. Bulgarien: Dara mit „Bangaranga“; 516 Punkte
2. Israel: Noam Bettan mit „Michelle“; 343
3. Rumänien: Alexandra Căpitănescu mit „Choke Me“; 296
4. Australien: Delta Goodrem mit „Eclipse“; 287
5. Italien: Sal Da Vinci mit „Per sempre sì“; 281
6. Finnland: Linda Lampenius x Pete Parkkonen mit „Liekinheitin“; 279
7. Dänemark: Søren Torpegaard Lund: „Før vi går hjem“, 243
8. Moldau: Satoshi mit „Viva, Moldova!“; 226
9. Ukraine: Leléka mit „Ridnym“; 221
10. Griechenland: Akylas mit „Ferto“; 220
11. Frankreich: Monroe mit „Regarde!“; 158
12. Polen: Alicja mit „Pray“; 150
13. Albanien: Alis mit „Nân“; 145
14. Norwegen: Jonas Lovv mit „Ya Ya Ya“; 134
15. Kroatien: Lelek mit „Andromeda“; 124
16. Tschechien: Daniel Žižka mit „Crossroads“; 113
17. Serbien: Lavina mit „Kraj mene“; 90
18. Malta: Aidan mit „Bella“; 89
19. Zypern: Antigoni mit „Jalla“; 75
20. Schweden: Felicia mit „My System“; 51
21. Belgien: Essyla mit „Dancing on the Ice“; 36
22. Litauen: Lion Ceccah mit „Sólo quiero más“; 22
23. Deutschland: Sarah Engels mit „Fire“; 12
24. Österreich: Cosmó mit „Tanzschein“; 6
25. Vereinigtes Königreich: Look Mum No Computer mit „Eins, Zwei, Drei“, 1