Die Fotos sind im Kasten. Das Schlimmste haben Sie jetzt also überstanden. Zu posen und fotografiert zu werden ist Ihr persönlicher Albtraum, oder?
Elfie Semotan: Ja, ich habe das überhaupt nicht gern, für mich ist das Stress. Ich weiß ja, wie schwierig es ist, ein gutes Foto zu machen. Ich will die Menschen immer so fotografieren, dass sie sich selbst erkennen. Ich will das, was mir essenziell erscheint, hervorbringen. Oft sind die Leute, die ich fotografiere, keine Schönheiten, aber jeder Mensch hat irgendeine Schönheit. Sie zeigt sich im Gespräch, in der Bewegung, in allem Möglichen, aber nicht dann, wenn ich sage: „Jetzt fotografiere ich dich.“ Es braucht Vertrauen und ein tiefes Verständnis.
Wobei ein Fotoshooting ja ein völlig konstruiertes Setting ist, bei dem sich Fotografin und Model oftmals zum ersten Mal begegnen. Wie gelingt es Ihnen da, rasch eine Verbindung zu schaffen?
Das ist eben nicht so einfach. Aber es gibt auch Leute, amerikanische Filmstars etwa, die wollen das auch gar nicht. Sie folgen vielmehr einem vorgeschriebenen Programm. Wenn also ein US-Schauspieler zuletzt einen Abenteurer dargestellt hat, dann spielt er den auch beim Fotoshooting, um beim Publikum den Eindruck zu vermitteln, er sei auch privat so.
Wie langweilig.
Absolut, das ist völlig uninteressant. Dazu kommt, dass viele Stars unsicher und mit ihrem Aussehen unglücklich sind. Die machen dann einfach Posen, von denen sie wissen, dass sie funktionieren. Aber das ist egal, denn diese Posen sagen etwas über einen Menschen aus, wenngleich nicht das, was man sich wünscht.
Wie Menschen in der Werbefotografie gezeigt werden, sagt wiederum viel über unsere Gesellschaft aus. Insofern sind Werbekampagnen ein Spiegel unserer Zeit. Haben Sie den Eindruck, dass Menschen heute anders gezeigt werden als noch vor einigen Jahren?
Ja, die Sicht auf Menschen hat sich geändert, besonders die auf ältere Frauen. Früher wurden ältere Frauen immer nett und lächelnd fotografiert. Sie wurden als der ruhende Pol im Haushalt dargestellt, als Omas, die mit den Enkelkindern spazieren gehen, Kuchen backen und auf jeden Fall immer freundlich sind. Das hasse ich ganz besonders. Warum soll man, nur weil man älter ist, freundlich sein, wenn man gerade keinen Grund dazu hat?
Ich merke: Für eine Werbekampagne, die lauter strahlende, glückliche Pensionisten zeigt, wären Sie nicht zu haben.
Nein. Es macht einen Unterschied, ob ich eine Person fotografiere oder jemand anderer. Dementsprechend, wie ich sie sehe, spüre und kenne, möchte ich ein Bild von ihr machen, und eben kein anderes.
Das heißt, die Abbildung entspricht Ihrer Wahrnehmung und — im Ideallfall — jener der fotografierten Person.
Ja, im Idealfall. Wobei das ist nicht sicher. Einmal habe ich die Malerin Maria Lassnig fotografiert. Wir haben vorher miteinander telefoniert, weil ich eine Idee hatte. Ich wollte, dass sie so post wie auf ihren Bildern. Das Erfreuliche war, dass sie genau dieselbe Idee hatte. Aber als ich ihr die Fotos dann zeigte, mochte Lassnig sich überhaupt nicht. Sie fand, sie schaue viel zu alt darauf aus. Damals war sie fast 80 Jahre, und ich fand, dass sie wie wie eine 60-Jährige wirkte: „Ist einem mit 80 nicht egal, wie man ausschaut?“, hab ich mich gefragt.
Nein. Warum sollte das so sein?
Stimmt, es ist einem nicht egal, nie. Jedenfalls hat Lassnig die Fotos zwei Jahre später noch einmal gesehen, und dann gefielen sie ihr sehr gut.
Ist man als Fotograf auch Regisseur?
Natürlich. Man ist Regisseur, indem man sein Gegenüber in eine Situation bringt, in der sie sie selbst sein kann oder sich zumindest selbst vergisst.
Und wie bringen Sie Menschen dazu, sich selbst zu vergessen?
Meine Anweisungen beschränken sich auf: „Dreh dich nach links.“ oder „Lass die Hand fallen.“ Ich will die Person einfach von sich selbst ablenken. Sie soll nicht daran denken, wie sie jetzt aussieht, sondern zum Beispiel daran, sich die Haare aus dem Gesicht zu streichen. Nicht die fertige Position ist das Interessante, sondern das Dazwischen.
Haben Sie eigentlich Ihre beiden Söhne oft fotografiert?
Ja, als sie klein waren, aber immer nur, wenn es leicht gegangen ist. Denn Kinder kann man nicht zwingen, sich fotografieren zu lassen.
Elfie Semotan in ihrer Wohung beim Gespräch mit Judith Hecht Akos Burg
Ihre beiden Ehemänner Kurt Kocherscheidt und Martin Kippenberger ließen sich sehr gern von Ihnen fotografieren. Wie war Ihr Leben an der Seite von zwei so egozentrischen Künstlern? Haben Sie oft zurückgesteckt?
Nein, das habe ich nicht, aber ich habe wahnsinnig viel zu tun gehabt. Nur, ich bin so aufgewachsen, dass mir nie jemand geholfen hat. Meine Mutter hat unsere Familie verlassen, als ich zwei Jahre alt war. Ich war also schon als Kind auf mich gestellt und sehr selbstständig.
Uns das sind Sie auch in Ihren Ehen und als Mutter von zwei Kindern geblieben?
Ja, damals war das ja noch eine andere Zeit. In den 1970ern blieben die allermeisten Mütter bei ihren Kindern, aber das habe ich nicht gemacht. Ich konnte mich so organisieren, dass ich immer einige Jobs hintereinander gemacht habe. Dann kamen meine Schwiegermutter oder meine Schwester und halfen.
Und Ihr Mann? Half er auch?
Doch, also er ist schon ab und zu eingesprungen. Ich kann mich an folgendes Szenario erinnern: Einmal hatte ich ein großes Fotoshooting im Casino. Ich sagte zu Kurt: „Du musst heute auf Ivo aufpassen.“ Unser Sohn war damals noch sehr klein. Später, als ich gerade dabei war, im Casino 30 Leute zu fotografieren, wurde ich auf einmal zum Telefon gerufen. „Ivo isst nicht“, sagte mein Mann. (Lacht.) Gott sei Dank kam dann ein Freund, der Vater dreier Kinder war, und hat Ivo übernommen.
Sagen Sie, ein bürgerliches Familienleben hat Sie nie gereizt?
Nein, im Gegenteil. Das war das, was ich genau nicht wollte. Das war mir immer klar. Vor Jahren hat mich einmal jemand gefragt, ob ich denn immer schon eine Feministin war. „Ich wusste damals nicht einmal, was das ist“, habe ich geantwortet.
Das ist ja bedeutungslos. Sie haben jedenfalls emanzipiert gelebt.
Das habe ich. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, meinen Beruf aufzugeben. Und es ist ja auch keine besondere Leistung, trotz Kindern weiterzuarbeiten, wenn man genug Geld verdient, um ein Kindermädchen zu zahlen. Aber man muss es auch wollen. Ich wollte nie den ganzen Tag mit meinen Kindern sein. Ich glaube auch nicht, dass es schlecht ist, nicht immer zu Hause zu sein. Mir war meine Arbeit auch so wichtig, weil ich ein so freiheitsliebender Mensch bin, der nie von anderen abhängig sein oder sich etwas befehlen lassen wollte.
Gut, dann haben Sie sich das schlechte Gewissen erspart, das arbeitende Mütter so oft haben.
Na ja, schlechtes Gewissen hatte ich damals schon auch. Wenn ich zum Fotografieren für drei Tage weggefahren bin, habe ich mir gedacht: „Das ist wie Urlaub!“ Selbst wenn ich von sechs in der Früh bis acht am Abend gearbeitet habe. Ich war auch keine Mutter, die unbedingt jeden Tag zu Hause angerufen hat. „Gehen dir die Kinder denn gar nicht ab“, habe ich mich gefragt. Nein, sie sind mir nicht abgegangen. Und das war okay. Ich habe sie ja trotzdem geliebt und meinen Mann auch.
»Mir war nicht klar, wie es wirklich um meinen Mann steht«
Elfie Semotan über ihren zweiten Mann Martin Kippenberger.
Fotografin
Martin Kippenberger galt als unberechenbar und als jemand, der es liebte, Menschen bloßzustellen. Wie kamen Sie damit zurecht?
Ja, das hat er gern getan. Aber gleichzeitig war er unglaublich warm, großzügig und sozial, er war ein toller Mensch, der groß gedacht hat.
Und Sie eine Frau, die den Konflikt mit ihm nicht gescheut hat.
Nein, das habe ich nicht, weil ich erkannt habe, dass die Auseinandersetzung wichtig ist. Für mich und für ihn. Er wollte wissen, wie weit er gehen kann, und ich habe ihm die Grenzen aufgezeigt. Nach den Medusa-Fotos (Anm.: ein Jahr vor Kippenbergers Tod fotografierte ihn Semotan in den nachgestellten Posen der Schiffbrüchigen aus dem Gemälde „Das Floß der Medusa“ von Théodore Géricault) sagte Martin: „Wir müssen mehr zusammenarbeiten.“ Das hätte ich sehr gern gemacht. Aber dazu ist es nicht mehr gekommen. (Kippenberger starb im März 1997 mit 44 Jahren an Leberkrebs.)
Ein Jahr nach Ihrer Hochzeit starb Ihr Mann. Wussten Sie, wie schlecht es um ihn stand?
Mir war nicht klar, wie es wirklich um ihn steht, wie gravierend sein Zustand ist. Und Ihm, glaube ich, auch nicht. Er war auch nicht schlecht beisammen. Er hat sich sehr bemüht, gesünder zu leben. Er hat weniger getrunken und ordentlich gegessen. Also eigentlich hätte es besser werden müssen. Aber letztlich ging es sehr schnell. Viel zu schnell.
Frau Semotan, darf man Sie auch fragen,
ob Sie auch so einen Hang zur Maßlosigkeit hatten wie Ihre Ehemänner?
Nein, nie. Ich kann weder zu viel esssen noch zu viel Alkohol trinken. Ich habe überhaupt keine Veranlagung dazu, süchtig zu werden. Dabei habe ich lange geraucht, aber nur weil es mir gefallen hat. Als ich aufgehört habe, hat mir das Nikotin nie gefehlt.
ob Sie ein zuversichtlicher Mensch sind?
Schon, und ich bin vorausschauender als andere. Ich habe mir immer schon überlegt, was ich will und was gut für mich ist. Wahrscheinlich, weil es nie jemanden gab, der das für mich getan hätte.
ob Sie sich noch oft in Ihrem Haus in Jennersdorf-Grieslstein aufhalten?
Wenn ich wahnsinnig viel zu tun habe, fahre ich hin und entspanne mich kurz. Das geht dort. Außerdem: Draußen zu sein war immer schon meine Rettung.
Steckbrief
Elfie Semotan (geb. 1941 in Wels) absolvierte die Modeschule Hetzendorf und arbeitete danach als Fotomodel in Paris. Dort entdeckte sie auch die Fotografie.
1969 kehrte sie nach Wien zurück und begann ihre Tätigkeit als Mode-, Werbe- und Porträtfotografin. Sie fotografierte und filmte Werbekampagnen, u. a. für Palmers und Römerquelle und Magazine wie „Vogue“, „Elle“, „Esquire“, „Harper’s Bazaar“, „The New Yorker“ und ab 1986 für den Modeschöpfer Helmut Lang.
Semotan war mit den Künstlern Kurt Kocherscheidt und Martin Kippenberger verheiratet. Heute lebt und arbeitet sie in Wien, New York und Jennersdorf.
Im Rahmen der Kulturhauptstadt Salzkammergut 2024 sind Werke von Elfie Semotan ab 26 Mai 2024 in der Galerie Tanglberg in Vorchdorf zu sehen.