Dieser Winter wird richtig teuer. So oder so ähnlich wird die Warnung lauten, die der deutsche Verband der Gasspeicherbetreiber INES am morgigen Dienstag in der Öffentlichkeit verbreiten wird. Und das nicht ohne Grund: Die Gasspeicher der Bundesrepublik sind Anfang September mit 133 Terawattstunden so schwach gefüllt wie selten zuvor. Damit übersteht das Land gerade einmal über einen strengen Wintermonat. Österreich hat zwar ausreichend Gas für den gesamten Winter auf Lager (siehe Grafik), spüren werden wir die europäische Speicherkrise dennoch. Aber noch können Konsumenten reagieren.
Dass die heimischen Gaskunden trotz des Irankriegs vergleichsweise entspannt an die kalte Jahreshälfte denken dürfen, liegt unter anderem an der strategischen Reserve, die das Land seit dem Jahr 2022 vorhält. Am Höhepunkt der großen Gaskrise kaufte die Regierung zwanzig TWh Erdgas auf, um sie für den Notfall einzubunkern. Allein damit ist seither ein gutes Viertel des Jahresbedarfs gedeckt. In Summe lagern heute über 67 TWh in heimischen Speichern, womit eine physische Knappheit in dieser Heizsaison de facto ausgeschlossen ist.
Doch der staatliche Sicherheitspolster, den die Regierung eben erst bis 2029 verlängert hat, ist nicht gratis zu haben. Allein die jährlichen Lagerkosten belaufen sich heuer auf 94 Millionen Euro. Für die beiden kommenden Winter waren im Doppelbudget jeweils 117 Millionen Euro veranschlagt. Tatsächlich dürften die Steuerzahler aber deutlich billiger davonkommen: Das Wirtschaftsministerium wird jährlich nur 38,75 Millionen Euro für das Einlagern der eisernen Reserve ausgeben, zeigen aktuelle Daten, die der „Presse“ vorliegen. Das Land spart sich damit 156,5 Millionen Euro an Steuergeld.
Gelungen ist das, weil das Ministerium die Kriterien für die Ausschreibung deutlich adaptiert und ein eigens auf die strategische Gasreserve zugeschnittenes Speicherprodukt kreiert hat. Da die Gasmengen langfristig für den Krisenfall vorgehalten werden, wurde auf die zusätzliche Buchung von Ein- und Ausspeicherkapazitäten verzichtet, was die Kosten deutlich reduziert. „Wir sichern damit die Gasversorgung Österreichs langfristig ab und gehen gleichzeitig sparsam mit Steuergeld um“, sagt Wirtschafts- und Energieminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP).
Die laufenden Kosten sind freilich nur ein Teil der Rechnung. Als die Regierung 2022 die zwanzig TWh Erdgas aufgekauft hat, waren die Preise extrem hoch. In Summe wurden 3,7 Milliarden Euro für die reine Energie hingeblättert. Wäre die Gasreserve nicht verlängert worden, hätte der Staat die Mengen zu deutlich niedrigeren Preisen verkaufen und somit Verluste realisieren müssen. Der aktuelle Großhandelspreis für Erdgas an der niederländischen Börse TTF liegt bei rund 71,5 Euro je Megawattstunde. Damit wäre der Gasschatz, würde man ihn am Markt verscherbeln, nur 1,4 Milliarden Euro wert.
Anders als Österreich hat Deutschland bisher weder eine strategische Reserve angelegt, noch die privaten Unternehmen dazu verpflichtet, ausreichend Mengen für ihre Kunden einzuspeichern. Ohne staatlichen Druck halten sich die meisten Unternehmen derzeit aber beim Einspeichern von Erdgas zurück, da der erwartete Preisunterschied zwischen Sommer und Winter inzwischen so gering ist, dass das Bunkern von Erdgas kein Geschäft mehr ist.
Wird der Winter nun besonders kalt oder kommt es zu weiteren Lieferausfällen der wichtigen Flüssiggaslieferanten aus dem Nahen Osten oder den USA, könnte es rasch ernst werden, warnen Experten wie Andreas Goldthau, Direktor der Willy Brand School of Public Policy an der Universität Erfurt.
Und zwar vor allem finanziell. „Deutlich wahrscheinlicher als das Auftreten von physischen Knappheiten in der EU ist der Fall, dass wir im Winter zwar eine stabile Versorgung haben, die Gaspreise aber sehr hoch sein werden“, so Goldthau. Auch die Investmentbanker von Goldman Sachs haben für den kommenden Winter bereits ein Szenario mit Gaspreisen jenseits der hundert Euro je Megawattstunde in Europa veröffentlicht.
Das wiederum träfe auch viele Kunden in Österreich – und zwar ganz egal, wie voll unsere eigenen Speicher sind. Entscheidend ist vielmehr die Vertragswahl: Wer sich einen günstigen Fixpreis gesichert hat, hat wenig Grund zur Sorge. Viele Unternehmen und Haushalte mit Floatertarifen, die direkt an den Börsenpreisen hängen, können von plötzlichen Preisanstiegen aber rasch getroffen werden. Wer auf Nummer Sicher gehen will, kann noch zu einem Fixpreis wechseln. Bei Floatern gibt es üblicherweise keine Mindestvertragsdauer, ein Anbieterwechsel sollte jederzeit möglich sein.