Kennen Sie Ferenc Mészáros? Oder Mária Filep? Die beiden sind kaum jemandem bekannt, und doch haben sie großen Anteil an einem historischen Geschehen, das 1989 zur Überwindung des Eisernen Vorhangs an der österreichisch-ungarischen Grenze und zur größten Massenflucht in der Geschichte des Kalten Krieges führte. Dann überschlugen sich die Ereignisse, die kommunistischen Regime in Europa wurden hinweggefegt. Der deutsche Kanzler Helmut Kohl sagte, in Ungarn sei der erste Stein aus der Berliner Mauer geschlagen worden. Die Vorgänge wurden schon oft dargestellt, vor allem auf der geopolitischen Makroebene, mit Moskau und Washington als Gegenspieler, mit Gorbatschow und Reagan. Doch man kann sich dem Thema auch anders annähern.
Mészáros war ein junger Mann, der in Ungarn auf der Seite der Opposition stand. Er war Gast bei einer Veranstaltung, auf der ein Mann sprach, der eigentlich dafür auserwählt war, dieses Land zu regieren. Otto von Habsburg, damals Europaparlamentarier und häufiger Gast in Budapest, hielt am 20. Juni 1989 vor zweitausend Studenten einen Vortrag über die Zukunft Ungarns, das in einer tiefen wirtschaftlichen Misere steckte. Ferenc war Teil einer kleinen Gruppe, die anschließend bei einem Abendessen noch lange mit dem hohen Gast, der perfekt auf Ungarisch parlierte, weiterdiskutierte. Erhitzt von der Debatte und dem Wein meldete sich der junge Mann zu Wort: „Wir sollten nicht hier in einem Hotel sitzen, sondern draußen bei den Menschen am Eisernen Vorhang. Wir sollten sie zu einem Fest einladen, etwa zu einem Picknick, bei dem Österreicher und Ungarn über den Zaun hinweg Grillwürste und Bier austauschen sollten.“ Offenbar handelte es sich hier um einen Träumer.
Mária Filep entstammt einer Dissidentenfamilie aus Debrecen. Sie hat als Kind 1956 gesehen, wie die sowjetischen Panzer die Reformbewegung niederwalzten. Sie war eine Frau der Tat, ohne ihr Organisationstalent wäre Ferenc‘ Idee nicht realisiert worden. Sie wusste von Anfang an, dass sich der Traum ohne Schirmherren aus der Politik in Luft auflösen würde. Bald war ein Name dafür gefunden: Paneuropäisches Picknick, das Logo war eine Taube, die durch einen Stacheldrahtzaun fliegt. Als Zeitpunkt wurde Mitte August 1989 geplant, so blieben also nur zwei Monate.
Was historische Überblicksdarstellungen oft unter den Tisch fallen lassen oder nur im Vorübergehen streifen, enthüllen die mündlichen Zeugnisse. Matthew Longo, ein amerikanischer, an der Universität Leiden lehrender Politikwissenschaftler, hat sich in seinem neuen Buch „Das Picknick“ dem in der Geschichtsschreibung zu wenig beachteten Ereignis vom 19. August 1989 gewidmet. Er hat sich angehört, was Menschen wie Ferenc und Mária, aber noch weitere zahlreiche Betroffene von damals, zu erzählen haben. „So können wir die vergangenen Ereignisse in all ihren Widersprüchlichkeiten studieren und ihre Nachwirkungen verstehen“, schreibt er.
Longo wusste Bescheid über die Fallstricke, das Minenfeld, auf dem man alle paar Schritte auf Fehldeutungen und Unterlassungen stieß. In Ungarn trieben die Gespenster der Vergangenheit noch ihr Unwesen. Auf den Akteuren von 1989 lastete das Gewicht des gescheiterten Volksaufstands von 1956. Aber die Zeit drängte: Die involvierten Personen waren bereits in fortgeschrittenem Alter, bald können sie nicht mehr befragt werden.
Schritt für Schritt nähert sich Matthew Longo in seiner spannenden Erzählung dem entscheidenden Tag, dem 19. August. Er erzählt, wie der Staat Ungarn in einen Abwärtsstrudel geraten war, der die kommunistische Partei dazu zwang, es mit einem Reformpolitiker als Regierungschef zu versuchen. Der talentierte junge Ökonom Miklós Németh riskierte viel, er machte sich die konservativen Kräfte im gesamten Ostblock zu Feinden, nur einen nicht: Michail Gorbatschow schritt bei allem, was in Ungarn jetzt geschah, nicht ein, ließ Németh gewähren, auch als der begann, den Eisernen Vorhang zu durchlöchern. Die Grenzbefestigung war zu teuer geworden. Das sei eine innerungarische Angelegenheit, hieß es im Kreml. So wurden die Elektroanlagen abgebaut.
Innerhalb Ungarns standen einander drei Seiten gegenüber, „mit der Hand am Revolvergriff“ (Longo): die Partei-Hardliner, die Reformkräfte in der Regierung und die Opposition in Form des Demokratischen Forums. In dieser unklaren Lage nicht die Nerven zu verlieren, war nicht einfach. Németh schaffte es, die Gesellschaft Ungarns war reif für eine Demokratiebewegung. Im August 1989 war die Demontage des Grenzzauns schon gut vorangekommen, das Picknick, jene Idee einer „vollkommen vernünftigen, zugleich jedoch scheinbar unmöglichen Begegnung“, war von den treibenden Kräften der Opposition wie Ferenc Mészaros als „politisches Theater gedacht, um den Eisernen Vorhang der Lächerlichkeit preiszugeben“, schreibt Longo. Vorangegangen war bereits die symbolische Aktion vom 27. Juni, als die beiden Außenminister Österreichs und Ungarns, Alois Mock und Gyula Horn, lächelnd für die Fotografen gemeinsam den Draht durchschnitten.
Mária Filep leistet indessen ganze Arbeit: In Staatsminister Imre Pozsgay fand sie einen anerkannten Reformer als Schutzherrn. Und sie wandte sich an die Familie Habsburg, um eine ähnliche Zusage zu erhalten. Sie erhielt von Otto ein Fax mit der Rede, die er zu halten beabsichtigte. Letztendlich sollte er seine Tochter Walburga entsenden. Die Gruppe der Aktivisten wuchs rasant an, aber noch fehlte der Veranstaltungsort für das Picknick. Die Wahl fiel auf ein Stück Grenzland, das keiner kannte. Landkarten zeigten damals zwar den Grenzverlauf, aber nicht den breiten, streng bewachten Streifen der verbotenen Zone. Eine vollkommen verlassene Lichtung in der Sopronpuszta, eine Art Naturschutzgebiet mit wild wuchernder Vegetation, am Rand von Nirgendwo. Der perfekte Ort.
Es wurde ein Ort der Geschichte, denn er verbarg einen stillgelegten Grenzübergang mit einem kleinen Tor im Zaun. Dass die Aktivisten die Erlaubnis erhielten, es für ein paar Stunden aufzusperren, war wie ein Wunder. Es gelang, auch in Österreich Werbung für das Picknick zu machen und Menschen einzuladen. Die nächstgelegenen Orte waren St. Margarethen auf der österreichischen und Sopron auf der ungarischen Seite. Es war der Ort, an dem hunderte ostdeutsche Flüchtlinge in die Freiheit stürmten. Ungarn war damals voll von Menschen aus der DDR, es war Urlaubszeit, 50.000 waren bereits im Frühsommer eingereist, viele waren mit ihrer Campingausrüstung gekommen, viele davon wussten Bescheid, dass die Grenze zu Österreich löchrig geworden war. Sie hatten genug von der SED-Diktatur. Plötzlich wurden ihre realitätsfernen Träume eine reale Möglichkeit. Die Stasi, die DDR-Geheimpolizei, witterte das und fuhr hinter ihnen her, umkreiste die Familien und jungen Paare in Ungarn. Sie wurden den Überwachungsstaat auch im Ausland nicht los. Ungarn musste mit dieser Situation fertig werden. Würden sowjetische, in Ungarn stationierte Soldaten anrücken?
Doch wie fanden die hunderten DDR-Bürger hierher? Matthew Longo hat viele von ihnen befragt: Dass es eine Veranstaltung an der Grenze geben würde, ein Picknick, sprach sich unter ihnen herum, es war ja auch überall plakatiert. Der Text war ungarisch, doch „Páneurópai Piknik“ verstand jeder. Mischt euch unter die Leute, sagte man ihnen, mal sehen, was passiert. Kann sein, dass ihr nichts vor den Ungarn zu fürchten habt. Es wurde von offizieller Stelle sogar eine Schneise durch das Gestrüpp geschlagen. Viele legten daher die letzten Kilometer vor dem Zaun zu Fuß zurück. Sie stießen plötzlich auch auf Österreicher, die sie im Auto mitnahmen. Als das Grenztor unter dem Ansturm nachgab, standen hunderte Flüchtlinge plötzlich vor einer Menschenwand: Österreichische Grenzschützer, Freiwillige des Roten Kreuzes, Journalisten, Schaulustige begrüßten sie. Ihr habt es geschafft, hörten sie, Ihr seid in Österreich, seid frei.
Zum ersten Mal hatte eine große Menschenmenge den Eisernen Vorhang durchbrochen, und Moskau hatte keinerlei Reaktion gezeigt. Erst jetzt wurde den ungarischen Grenzsoldaten bewusst, was sie hier toleriert hatten. Auch die Organisatoren des Picknicks verfolgten die Szenen mit Staunen. Àrpád Bella, der verantwortliche Grenzbeamte, sah sich bereits inhaftiert, weil er Schande über seinen Staat gebracht hatte. Doch der Eiserne Vorhang sollte sich nie wieder schließen. Am 11. September 1989 wurde die ungarische Westgrenze dauerhaft geöffnet. Innerhalb weniger Tage trafen danach 30.000 DDR-Flüchtlinge in der Bundesrepublik ein. Longo endet mit der Geschichte zweier Freunde. Einer von ihnen hatte die Flucht am Tag des Picknicks geschafft, der andere kehrte in die DDR zurück. Die beiden, die an jenem schicksalshaften Tag voneinander getrennt wurden, lebten schließlich am selben Ort im wiedervereinigten Deutschland.
Matthew Longo:
Das Picknick. Der Traum von Freiheit und der Fall des Eisernen Vorhangs
Übersetzt von Stephan Gebauer
Residenz Verlag, 320 Seiten, 36 Euro