Kurz vor dem ersten Mai wandte sich der deutsche Energieökonom Lion Hirth mit einer Warnung an seine Mitbürger: „An die fünf Millionen Besitzer von Solaranlagen in Deutschland“, schrieb er. „Wenn ihr etwas Gutes für die Versorgungssicherheit und die Energiewende (und den Bundeshaushalt) tun wollt, dann schaltet morgen eure PV-Anlage ab. Einfach aus. Ehrlich gesagt, am besten gleich bis Montag auslassen.“ Warum das? Es war wieder einmal ein sonniges Wochenende angesagt, an dem die PV-Anlagen so viel überschüssige Elektrizität ins Netz drücken, dass die Strompreise tief unter die Nulllinie fallen sollten. Strom war also selbst geschenkt noch zu teuer. Das Phänomen ist auch in Österreich keine Seltenheit. Und jeder Verbraucher kann daran mitverdienen.
Mit dem Aufbau eines neuen Stromsystems auf Basis von Wind- und Solarkraftwerken kommt es häufiger zu Phasen, in denen mehr Strom vorhanden ist, als aktuell verbraucht wird. Da Angebot und Nachfrage aber im Gleichgewicht sein müssen, um das Netz stabil zu halten, kann es zu negativen Strompreisen kommen, damit der Verbrauch angeheizt wird. „Wir müssen die Energie ernten, wenn sie anfällt. Strom kann nicht mehr exakt dann erzeugt werden, wenn er gebraucht wird“, sagt E-Control-Chef Michael Strebl. Inzwischen gebe es Tage, an denen man Strom zu Mittag geschenkt bekomme, während er am Abend 15 Cent pro Kilowattstunde koste. „Das haben wir früher nicht gehabt“, erläutert Johannes Mayer, Chefvolkswirt beim Regulator. Noch würden die wenigsten Kunden diese Preisunterschiede im Tagesverlauf nutzen, um ihre Kosten zu optimieren. Aber das ändert sich.
Wer voll von der Volatilität am Strommarkt profitieren will, kann zu einem dynamischen Tarif (etwa vom Anbieter Awattar) greifen, der den stündlichen Börsenpreis (EPEX Spot mit einem kleinen Aufschlag) an die Endkunden weiterverrechnet. Die Preise sind oft mittags und nachts am günstigsten, teils sogar negativ. In den Morgenstunden und am Abend wird es hingegen oft teuer. Grundsätzlich gebe es diese Tarife „schon seit einigen Jahren“, sagt Stefan Spiegelhofer, Energieexperte bei Durchblicker. Bisher habe sich aber nur eine kleine Nische dafür interessiert.
Das liegt auch daran, dass nicht jeder Haushalt gleichermaßen davon profitieren kann. „Wenn ich z. B. kein E-Auto habe, kann ich mir damit nur ein paar Euro sparen“, sagt die Ökonomin Katherina Gangl. Aber Großverbraucher mit E-Autos oder Wärmepumpen, die den Verbrauch auch zeitlich steuern können, könnten dadurch „richtig viel Geld sparen“. Um zu wissen, wann es sich lohnt, das Elektroauto zu laden, gibt es verschiedene Apps, die Börsenpreise in Echtzeit überwachen. Beispiele dafür sind etwa Tibber, aWATTar (tado°), SpotWatt, Spotty und Rabot Charge. Wirklich Geld verdienen lässt sich aber nur in Stunden mit hohen negativen Preisen, da die Netzgebühren in jedem Fall zu bezahlen sind.
Für manche kann es sogar teurer werden. „Bei einem Durchschnittshaushalt mit 3500 Kilowattstunden Verbrauch im Jahr sind dynamische Tarife um 20 Prozent teurer als der klassische Tarif“, warnt Spiegelhofer. „In der Regel verbrauchen diese Kunden genau dann, wenn es alle tun – und die Preise entsprechend hoch sind.“ Ein Vorteil ist hingegen, dass dynamische Verträge üblicherweise keine Bindungsfrist haben. Kunden könnten also im Herbst (wenn das Ökostromangebot sinkt) auf einen Fixvertrag wechseln und es im Frühling wieder an der Börse probieren.
Eine Mischvariante bietet der Tiroler Energieversorger Gutmann mit seiner „Happy Hour“ an. Dieser Tarif bringt Verbrauchern am Wochenende und feiertags von 12 bis 16 Uhr kostenlosen Strom. Da zu diesen Zeiten die Börsenpreise üblicherweise unter Null liegen, ist das Risiko für das Unternehmen gering. Auch hier gilt: Je höher der Verbrauch in diesem Zeitfenster, desto höher die Ersparnis. Ein E-Autobesitzer könnte nach Rechnung von Gutmann etwa 540 Euro im Jahr sparen, der Strom für die Klimaanlage würde um 130 Euro billiger. Auch die EVN bietet im Sommer an den Wochenenden günstigere Tarife, allerdings nur im eigenen Netzgebiet.
Zumindest eine kleine Ersparnis bringt das Überangebot an Sonnenstrom theoretisch allen Stromkunden. Mit dem Beschluss des Elektrizitätswirtschaftsgesetzes (ElWG) wurde der „Sommer-Nieder-Arbeitspreis (SNAP) eingeführt, der das Netzentgelt zwischen April und September von zehn bis 16 Uhr um 20 Prozent senkt“, sagt Spiegelhofer. Voraussetzung dafür (wie auch für die oben genannten Stromtarife) ist ein Smart Meter, der mittlerweile aber in fast allen Haushalten hängt. Zudem müssen Interessierte ihren Netzbetreiber darüber informieren, dass dieser die Viertelstundenwerte des Geräts nutzen darf. Das geht vielfach direkt im Kundenportal oder über die Service-Hotline. Im Schnitt spart sich ein Haushalt dadurch zwanzig Euro im Jahr, so der Durchblicker-Experte. „Wer wirklich Geld sparen will und kein privater Großverbraucher ist, für den ist zusätzlich ein neuer Vertrag mit Fixpreis aktuell die beste Variante“, sagt er. Gut seien Angebote mit einem Netto-Preis von bis zu zehn Cent je Kilowattstunde.