Die Arbeitswelt steht in Zeiten von Insolvenzen, Personalabbau und Transformationsprozessen durch Künstliche Intelligenz unter großem Druck. Für betroffene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bedeutet das häufig Stress und mentale Erschöpfung.
Häufig auftretender Stress ist eine schwere mentale Belastung. Bloomberg/Petar Santini
10.09.2026 um 12:37
von
Paul Maier
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Hohe Erwartungen, wenig Zeit und strenge Vorgaben. Im Berufsleben gibt es verschiedene Ursachen für Stress. Der Gesundheitsanbieter Mavie hat sich in einer Umfrage angesehen, wie gestresst Menschen in Österreich wirklich sind, und kam zu teils ernüchternden Ergebnissen.
In der heuer durchgeführten Befragung gaben 67 Prozent der Teilnehmer an, sich oft oder sehr oft gestresst zu fühlen. Bei 40 Prozent hat sich das Stressniveau in den vergangenen ein bis zwei Jahren sogar erhöht. Dabei gibt es einen großen Unterschied zwischen den Geschlechtern. 73 Prozent der Frauen gaben an, oft oder sehr oft gestresst zu sein. Unter den Männern waren es 61 Prozent. Für viele Beschäftigte geht die Belastung bis an die mentale Grenze: Knapp ein Viertel der Frauen und rund 18 Prozent der Männer haben im vergangenen Jahr mehrere solcher Phasen erlebt. Dennoch gehen 83 Prozent auch dann weiter zur Arbeit.
Dafür gibt es mehrere Gründe. Für 39 Prozent ist es finanzieller Druck. Ein Drittel der Befragten will keine Schwäche zeigen, während fast genau so viele ein schlechtes Gewissen gegenüber Kolleginnen oder Vorgesetzten haben, wenn sie zu Hause bleiben. „Stress am Arbeitsplatz ist eine wirtschaftliche Herausforderung. Wenn Menschen trotz Erschöpfung weiterarbeiten, bleibt die Belastung oft unsichtbar. Die Folgen für Leistungsfähigkeit, Motivation und Unternehmenserfolg sind es nicht. Unternehmen können es sich daher nicht leisten, beim Thema Stress erst dann zu handeln, wenn Mitarbeitende bereits ausfallen“, sagt Christoph Schnedlitz, Geschäftsführer von Mavie Work.
Nicht nur der eigene Stress wirke sich auf die Arbeitsleistung aus. Sind Führungskräfte schwer belastet, habe das auch Auswirkungen auf ihre Teams. Mit 56 Prozent erlebt mehr als die Hälfte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die eigene Führungskraft oft oder sehr oft sichtbar gestresst. Für 32 Prozent wirkt sich dieser Stress negativ auf die Motivation bei der Arbeit aus. Ähnlich viele vermeiden es, Probleme bei einer gestressten Führungskraft anzusprechen oder Feedback zu geben. 19 Prozent gaben zudem an, dass ihre eigene Konzentration und Arbeitsqualität darunter leidet.
Schwer belastete Chefs können für Unternehmen zum Problem werden: Jede fünfte Person denkt aufgrund des sichtbaren Stresses der eigenen Führungskraft öfter darüber nach, den Job zu wechseln. „Starker Druck kann das Verhalten von Führungskräften deutlich verändern. Persönliche Stärken können bei Stress überstrapaziert werden und sich dadurch zu Risiken für die eigene Leistungsfähigkeit oder das Team entwickeln. Aus Selbstvertrauen kann Arroganz werden, aus Entscheidungsfreude Kontrollzwang und aus Sorgfalt lähmender Perfektionismus“, sagt Michaela Hack, psychosoziale Beraterin bei Mavie.
Mentale Belastung wirkt sich auch auf die psychische Gesundheit aus. Die Umfrageteilnehmer nehmen sie weitgehend als Tabuthema am Arbeitsplatz wahr. Drei Viertel sprechen im Job nicht darüber, 42 Prozent würden sogar negative Konsequenzen befürchten. Zwei Drittel gaben an, sich nicht angreifbar machen zu wollen. Nur 30 Prozent sagten, dass sie sich mit mentalen Problemen an ihre Vorgesetzten wenden würden. Damit vertrauen die Befragten ihren eigenen Führungskräften nur geringfügig mehr als der Künstlichen Intelligenz: 27 Prozent würden sich bei arbeitsbedingtem Stress eher einer KI anvertrauen. Das Thema habe jedoch hohen Stellenwert für Mitarbeiter. 54 Prozent sehen Angebote im Bereich mentaler Gesundheit als wichtiges Kriterium bei der Jobsuche.
Das Arbeitsleben ist oft die Ursache für Belastungen in der Bevölkerung: Für 37 Prozent ist die Arbeit der größte Stressfaktor, für weitere 23 Prozent liegt sie auf Platz zwei. „Unternehmen sollten deshalb nicht erst reagieren, wenn Teams bereits unter der Situation leiden. Entscheidend ist, Führungskräfte frühzeitig zu unterstützen und bereits bei der Auswahl auf die notwendigen Kompetenzen und den Umgang mit Belastung zu achten“, so Schnedlitz.