
Publizist Paul Lendvai zum prorussischen EU-Skeptiker Rumen Radew, der in Bulgarien die Parlamentswahl gewonnen hat – und ein „Nullsummenspiel“ für Putin.
In Bulgarien wurde gewählt – und auch auf diese Wahl fällt ein „langer Schatten aus Russland“, wie Moderatorin Margit Laufer am Sonntagabend in der „ZiB 2“ so passend sagte. Denn die pro-russische Partei des ehemaligen Präsidenten Rumen Radew hat bei den Parlamentswahlen einen deutlichen Sieg eingefahren. Was bedeutet das Ergebnis in Hinblick auf Wladimir Putin? Für den großen Osteuropa-Kenner Paul Lendvai sind die jüngsten Wahlen ein „Nullsummenspiel für Russland“: Es habe „einen Agenten, einen Einfluss-Agenten namens Viktor Orbán“ verloren – und gewinne dafür einen anderen in Bulgarien, nämlich Rumen Radew.
Wenn Radews Partei eine Regierung bilden könne – was wohl nicht einfach wird, wie man schon im Vorbericht hörte – dann habe Russland einen „verlässlichen Vertreter“ in der EU. Interessantes erzählte Lendvai fast nebenbei über Radew. Etwa dass er ein in Russland ausgebildeter Luftwaffengeneral sei. „Er wird sicherlich nicht die Interessen der liberalen Demokratie vertreten. Aber wie weit er innerhalb der EU gehen wird, das wissen wir nicht.“ Er werde wahrscheinlich keine absolute Mehrheit haben, von daher könne er auch kein „zweiter Orbán“ sein.
Auch er hatte übrigens in Ungarn nicht „mit einem so zivilisierten Übergang“ gerechnet. Und auch nicht mit einem so überwältigenden Sieg. Sollte man nun Ungarn die eingefrorenen Gelder, die der Wahlsieger Péter Magyar nun gerne hätte, bald auszahlen? Oder auf die Stimmen hören, die davor warnen, das so schnell und noch vor echten Reformen zu tun? Das wollte Laufer wissen. Ganz klar wurde Lendvai hier nicht. Er sah aber die Tatsache, dass eine Delegation der EU bereits in Ungarn ist und verhandelt, als positiv. Es zeige, dass man in Brüssel verstanden habe, das richtige Signal zu senden, nämlich dass Ungarn nun mit der Unterstützung der EU rechnen könne. „Es zeigt, dass die Kommission handelt.“
Unglaublich, wie konzise Lendvai mit 96 Jahren formuliert. Er spannte auch einen großen Bogen über den Regimewechsel in Ungarn 1989 („ein Geschenk der damaligen Sowjetunion“) über den Aufstand 1956 („fantastisch“) und die Zeit danach bis zur jetzigen Wahl („fast ein Aufstand, ein Regimewechsel ohne Gewalt“ und „die Selbstrehabilitation der ungarischen Zivilgesellschaft“).
Die Hoffnungen seien natürlich groß, so Laufer. Was, wenn Magyar sie nicht erfüllen könne? „Es ist immer möglich, wenn man zu weitgehende Hoffnungen pflegt, dass man enttäuscht wird“, sagte er. Er sei aber der Meinung, dass Magyar eine Chance sei für ein besseres Leben der Ungarn in den nächsten Jahren und dass die Korruption dort teilweise ausgemerzt werde.