Gruselig ist es schon, dort unten. Die vielen Gänge, Räume, Nischen, Betontore und Stahltüren, manche offen, manche angelehnt, manche hermetisch abgeriegelt. Die herankriechende Finsternis – überall dort, wo die alten Elektroanschlüsse nicht funktionieren. Niemand hört einen, wenn man schreit.
Doch dieser Ort sollte nicht Angst machen, sondern Leben retten. Die Rede ist von einem Bunkersystem im dritten Wiener Gemeindebezirk, dessen Existenz der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist.
Gleich vorweg: Die Anlage – das bisschen Gruseln hin oder her – darf als Ort der Zeitgeschichte definiert werden. Als Stätte der Rückschau auf die Zeit des Kalten Krieges. Und des nuklearen Wettrüstens. Eine Erkundung lohnt sich.
Der unterirdische Bauwerk liegt ziemlich zentral. Und doch deutet von außen nichts auf seine Existenz hin. Gleichsam im Schatten der den östlichen Donaukanal beherrschenden „Triiiple“-Türme, nahe der Ecke Herma-Bauma-Gasse/Markhofgasse lässt sich am Rande einer einst als Sportplatz genutzten, unter Straßenniveau liegenden Fläche der gut gesicherte Eingang finden. Hier kann sie beginnen, die Tour, die vom Verein „Unter Wien“ (www.unterwien.at), Ticketbuchung online, angeboten wird.
1242 Personen sollten in der Anlage unterkommen. Geplante Aufenthaltsdauer: zirka 14 Tage. Baubeginn war 1982, bis zur Fertigstellung dürfte es bis 1987 gedauert haben. Darauf deute ebendiese Jahreszahl hin, die auf den schweren Außentüren zu finden sei, erklärt Vereinsobmann Lukas Arnold.
Lukas Arnold, Vereinsobmann von „Unter Wien“, beschäftigt sich seit Jahren mit unterirdischen Bauwerken in Wien. Wer sich für den ABC-Bunker aus den 1980-er-Jahren interessiert, kann an einer seiner Führungen teilnehmen. C. Fabry
Das bedrohliche Geschehen, welches die Republik damals vor Augen hatte: ein Atomschlag, der radioaktive Wolken und Staub (Fallout) über Österreich ziehen lässt oder ein Unglück, wie es sich tatsächlich im April 1986 in Tschernobyl zugetragen hatte. Ersteres blieb bisher glücklicherweise aus. Und auch nach der Tschernobyl-Katastrophe hat nie jemand Schutz im (damals wohl noch unfertigen) Bunker gesucht.
Gedacht war eine Aufenthaltsdauer von zirka 14 Tagen. Die massiven Räume waren wohlgemerkt nicht für die Zivilbevölkerung angelegt worden – sondern für die Beamtenschaft, konkret für Mitarbeiter vom Zoll und von der Finanz. Man wollte offenbar bevorzugt Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltung schützen.
Wer ionisierender Strahlung ausgesetzt war, sollte über eine sogenannte Gasschleuse in den Bunker gelangen. Zunächst wäre eine der beiden „Nuklearduschen“ zu verwenden gewesen. Schutzsuchende hätten sich 60 Sekunden mit kaltem Wasser duschen müssen. Kalt deshalb, da sich bei Warmwasser eher die Hautporen öffnen und somit Giftstoffe eindringen können.
Danach war eine Strahlenkontrolle mittels Geigerzähler vorgesehen. „Auch bestimmte Säuren oder Basen hätte man noch einsetzen können, um die Leute zu säubern“, sagt Arnold. Gegebenenfalls nach einem Haarschnitt hätte man einen Jogginganzug bekommen und wäre dann in einen der Aufenthaltsräume vorgelassen worden. Hinaus wäre es durch schmale Luken gegangen. Die Gasschleuse war nur als Eingang konzipiert – und als Sammelort für Leichen und Abfälle. Auch die Fäkalien der Trocken-WCs hätte man dort deponiert.
Etliche Räume sind für „99 Personen“ gebaut worden. Besichtigt man einen solchen Bereich, ist es schwer vorstellbar, dass tatsächlich so viele Leute Platz gefunden hätten. Allerdings war die Konstruktion eben nicht als Platz für behagliche Aufenthalte ersonnen worden, vielmehr handelte es sich um eine Möglichkeit, am Leben zu bleiben.
Einmal habe hier das Bundesheer einen Versuch mit Rekruten gemacht, erzählt Arnold. 25 Soldaten seien für 24 Stunden in einem kleinen Raum angehalten worden. Nach Ablauf dieses einen Tages, sei jeder froh gewesen, wieder rauszukommen. Die durch so viele Menschen auf so engem Raum entstehende Wärme und auch die Feuchtigkeit habe man stark unterschätzt. Ganz abgesehen von einem sehr rasch einsetzenden Lagerkoller.
Neben dem Hauptbunker besteht eine Nebenanlage für 228 Personen. Arnold: „Wir vermuten, dass die kleine Anlage für die Elite gewesen wäre, da es dort ein bisschen gemütlicher und schöner ist.“
Wie atmet man da unten eigentlich? Nun, Luft sollte angesaugt werden und in einen Sandfilterraum strömen. Sandkörner sollten die radioaktiven Partikel aufnehmen. Danach sollte die Luft per Filter gereinigt werden. All das ist nie passiert.
„Die Anlage war auch nie richtig eingerichtet“, erklärt Arnold. „Die Utensilien, die hier zu sehen sind, haben wir von anderen Anlagen hergebracht. Die Liegen in der kleinen Anlage zum Beispiel, die haben wir vom Staatsarchiv-Bunker geholt.“ Die Bundesimmobiliengesellschafft (BIG) habe dabei geholfen.
In den 1990-er-Jahren wurden die unterirdischen Flächen von der Polizei genutzt. Man stellte etwa Szenen einer Wirtshausschlägerei nach, um Einsätze zu trainieren. Auch ein Autowrack wurde nach unten verbracht, um Unfallszenarien durchzuspielen.
Ach ja: Ist es da unten stickig? Oder lässt es sich auch dann aushalten, wenn oben gerade eine Hitzewelle die Stadt lähmt? Klare Antwort: Es ist immer kühl. Gruselig, aber schön kühl.
Nicht gerade Kingsize-Betten, aber es sollte ja um das Überleben gehen – insofern hätten es wohl „dreistöckige“ Liegen auch getan. C. Fabry
Wasser und sonstige Vorräte hätte man in ausreichenden Mengen bunkern müssen. C. Fabry
Mit diesen Duschen hätten alle Bunker-Neuankömmlige kalt abgespritzt werden sollen, um etwaige Rückstände radioaktiver Wolken bzw. kontaminierten Staub abzuwaschen. C. Fabry
Der Verein
„Unter Wien“. Der aus zirka zwei Dutzend Personen bestehende gemeinnützige Verein stellt gemäß Eigendefinition eine Interessensgemeinschaft „geschichtsbegeisterter Wienerinnen und Wiener“ dar.
Drei Touren werden aktuell angeboten. Die Bunker-Tour firmiert auf der Webseite des Vereins, www.unterwien.at, als „Tour K“. Das Ticket kostet für Erwachsene 25 Euro, für Jugendliche von 14 bis 17 Jahren 21 Euro. Für Kinder ist die 90-minütige Erkundung nicht geeignet.