Nazi-Wien trifft kaiserliche Residenz. Oder: Nicht alles, was zusammenwächst, gehört zusammen. Beobachtungen nächst dem Kahlenbergerdorf.
Restbestand einer nie fertiggestellten Obus-Anlage … wf
10.06.2026 um 05:00
Kolumne von
Wolfgang Freitag
Es gehört ja beileibe nicht alles zusammen, was irgendwann irgendwarum zusammengewachsen ist. Derlei lässt sich problemlos an unterschiedlichsten Materien belegen, an Ländergrenzen, politischen Parteien oder an unserem Beziehungsleben – und nicht zuletzt daran, wie sich unsere Städte präsentieren. Die viefältigsten Zeiten, Gesinnungen und Geschmackskulturen finden sich da mehr oder minder willkürlich zusammengewürfelt. Und der einzige Kitt, der so viel Heterogenität optisch einigermaßen zusammenhält, ist jenes Wundermittel, das auch anderweitig für Kohäsion des Inkohärenten sorgt: unsere Gewöhnung. Entsprechendes Anschauungsmaterial ist hierorts bald wo zu haben. Zum Beispiel nächst dem Kahlenbergerdorf.
Dortselbst, rechterhand von jener Stelle, ab der sich der sogenannte Nasenweg den Leopoldsberg hinanwendet, begegnet Wandersfrau und -mann eine Baulichkeit, die Ältere vielleicht noch als Gastwirtschaft kennen. Allein, davon ist längst keine Rede mehr, das Gemäuer scheint auf immer im Dämmerschlaf versunken, und so achtlos, wie wir Ruinöses zu passieren pflegen, wird den wenigstens bisher aufgefallen sein, dass wir es daselbst keineswegs mit einem einzigen Gebäude zu tun haben, vielmehr mit deren zwei.
… an der Adresse Heiligenstädter Straße 359. wf
Was auch mir entgangen war, ehe mich Leser H. darauf hingewiesen hat: Bei jenem Bauteil, der mehr dem Berg zu liege, leicht an der Rohziegelfassade vom verputzten Vorderteil zu unterscheiden, handle es sich um den Restbestand einer Obus-Anlage, die in Zeiten des Zweiten Weltkriegs und also eines Groß-Wiens von Nazi-Gnaden zur Anbindung von Klosterneuburg an Heiligenstadt hätte eingerichtet werden sollen.
Was das Vorhaben als Ertrag abgeworfen hat, ist dem „Kleinen Volksblatt“ vom 6. November 1945 zu entnehmen: Besagtes „Aufbauwerk“ habe bloß den Vorwand geboten, „dass etliche braune Bonzen ein Festgelage“ abhalten konnten, „und zwar zu einer Zeit, da die Bevölkerung schon auf knappste Rationen gesetzt war“: „Gefahren ist kein einziger Obus.“
Übrigens, auch in dem vorderen, verputzten Gebäudeteil verbirgt sich hinter viel Verwahrlosung Geschichtliches: Hier residierte einst eines jener Linienämter, an denen in kaiserlichen Tagen bei Einfuhren nach Wien die Verzehrungssteuer zu entrichten war.
E-Mails an: wolfgang.freitag@diepresse.obfuscationcom
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