Das Wort Waffenruhe wird im Iran-Krieg jeden Tag auf die Probe gestellt. Mit einer Raketen- und Drohnensalve griff der Iran am Mittwoch in den frühen Morgenstunden US-Militärstützpunkte in den Golfstaaten Kuwait und Bahrain an, das US-Militär hingegen traf offenbar einen Signalsendeturm auf der Insel Qeshm in der Straße von Hormuz. Die gegenseitigen Angriffe gehören zu den schwersten seit Beginn der Waffenruhe im April. Und sie sind Ausdruck dafür, wie verfahren die Friedensverhandlungen sind. Zudem lassen sie einmal mehr die Frage aufkommen, wie leergeräumt das iranische Drohnenarsenal ist. Jüngsten Berichten zufolge soll Teheran Teile der Drohnenproduktion wieder aufgenommen haben.
Die jüngste Angriffswelle nahm offenbar ihren Anlauf, als die USA einen Tanker angriffen, der die iranische Ölinsel Kharg zum Ziel hatte. Das Schiff dürfte die US-Blockade auf der einen Seite der Straße von Hormuz umgangen haben. Der Iran antwortete ebenfalls mit Angriffen auf weitere Tanker, die Eskalationsspirale drehte sich anschließend weiter. „Der Iran hat einige ballistische Raketen auf seine Nachbarn abgefeuert“, schrieb die zuständige US-Kommandozentrale Centcom auf X, „doch keine hat die anvisierten Ziele getroffen.“ Sie seien abgefangen worden.
Nach den jüngsten Angriffen des Iran auf die Golfstaaten wurde auch der internationale Flughafen in Kuwait getroffen. Am Mittwoch stand der Flugverkehr zeitweise still. APA / AFP / Yasser Al-zayyat
Allerdings scheint der Terminal 1 des internationalen Flughafens in Kuwait von den iranischen Raketen und Drohnen getroffen worden zu sein – am Mittwoch war der Flugverkehr erheblich behindert. Medienberichten zufolge wurden auch mehrere Personen verletzt. Dabei wurde der Terminal 1 erst vor wenigen Tagen wiedereröffnet – das Areal musste nach früheren iranischen Angriffen repariert werden. Die iranischen Angaben, dass Teheran auch die Zentrale der amerikanischen 5. Flotte in Bahrain angegriffen hätte, wies Centcom zurück. Man habe die meisten Raketen und Drohnen abfangen können.
US-Präsident Donald Trump hält trotz der Intensität der neuen Angriffe an den Verhandlungen fest. Die Diplomatie sei weiterhin eine Option, eine Vereinbarung in Greifweite, und zwar „schon nächste Woche“. Dabei hatte der Iran diese Woche verkündet, die Gespräche abbrechen zu wollen, angesichts der laufenden Angriffe Israels auf den Libanon. Ob der Libanon Teil der Waffenruhe sein soll, wie von den Iranern gewünscht, war zuletzt ebenso offen wie die Frage, wo die Iraner Zugeständnisse bei ihrem Raketen- und Atomprogramm machen würden.
Jedenfalls hat Trump Medienberichten zufolge den israelischen Premier, Benjamin Netanyahu, am Telefon scharf angefahren. Am Mittwoch äußerte sich Trump zu den Berichten über das Telefonat: „Ich würde nicht sagen, ich war wütend. Ich war etwas verstört über seine (Netanyahus, Anm.) ständigen Kämpfe mit dem Libanon. Und ich sagte zu ihm: Bibi, das muss aufhören.“ US-Außenminister Marco Rubio sprach indessen von Fortschritten in den Gesprächen zwischen Israel und Libanon, tatsächlich gingen die Angriffe zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah auch am Mittwoch weiter.
Die jüngsten Drohnenangriffe des Iran werfen auch die Frage auf, wie gut die Arsenale der Islamischen Republik gefüllt sind. Die USA und Israel haben mit Beginn des Iran-Kriegs auch die Produktionsstätten für Drohnen und Raketen angegriffen. Einigen Quellen in den USA zufolge sind 85 Prozent des iranischen Drohnenarsenals sowie Produktionsorte zerstört worden – das lässt sich jedoch nicht unabhängig prüfen. Andere Schätzungen gehen davon aus, dass ein Drittel der iranischen Drohnenkapazitäten getroffen worden sind. Große Teile des bestehenden Arsenals werden jedenfalls unterirdisch gelagert und sind daher schwer zu treffen. Die Zahl der noch einsatzfähigen Drohnen des Iran können Geheimdienste und Analysten nicht seriös beziffern.
Für Aufsehen sorgte jüngst ein CNN-Bericht, wonach der Iran die Drohnenproduktion wieder aufgenommen habe. Die ersten Arbeiten sollen gleich mit der Waffenruhe begonnen haben, die Anfang April verkündet wurde. CNN beruft sich auf Informanten in Geheimdienstkreisen. Demnach hat die Islamische Republik mit den Reparaturarbeiten in den zerstörten Fabriken schneller beginnen können, als angenommen. Kann der Iran diese Geschwindigkeit beibehalten, könnte das Land schon in sechs Monaten zur vollen Drohnenproduktion zurückkehren, schätzen die US-Informanten.
Der Iran kann auch deswegen die Drohnenproduktion aufnehmen, weil China weiterhin das dafür benötigte Material an den Iran liefert – das berichtete jüngst das Wall Street Journal. Demnach liefert Peking sogenannte Dual-Use-Güter in den Iran, also Güter, die eigentlich Alltagsgegenstände sind, deren Bestandteile aber für militärische Zwecke missbraucht werden können. Über diese Dual-Use-Güter soll das iranische Militär an Lithium-Ionen-Akkumulatoren, Motoren, Glasfaserkabeln, Mikrochips und weiteren Materialien gekommen sein. Es ist umstritten, ob China bei der iranischen Drohnenproduktion selbst aktiv mithilft. Die USA haben jedenfalls rund zwei Dutzend Unternehmen in China und Hongkong auf ihre Sanktionsliste gesetzt. Sie sollen direkt in die iranische Drohnenproduktion involviert sein.