Pop. Das Album „Timeless“ enthält zehn chronologisch angeordnete, äußerst hörenswerte Songs aus dem Nachlass des Jahrhundertmusikers.
Prince im Jahr 2010. Ein neues Album enthüllt Raritäten aus dem Nachlass. APA
31.08.2026 um 08:28
von
Samir H. Köck
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„Sometimes it snows in April“ titelte die „Presse”, als Superstar Prince am 21. April 2016 seinen Weg zum großen Regenbogen antrat. Es war ein verfluchtes Jahr aus der Perspektive der Popmusik. David Bowie starb im Jänner, Maurice White von Earth, Wind & Fire im Februar, Leonard Cohen im November und George Michael im Dezember. Von keinem der genannten wurde Wesentliches aus dem Nachlass veröffentlicht. Von George Michael gar nur ein einziger Song mit dem Titel „This Is How (We Want You To Get High).“ Ganz anders stellt sich die Sache bei Prince dar. Das als manischer Musikarbeiter bekannte Genie hinterließ ein Archiv aus dem, so ein Mitarbeiter, noch 50 bis 60 Box-Sets an wertvoller Musik herauszuholen wären. Es gibt 8000 Aufnahmen, die als Work-in-Progress-Studien interessant wären, sowie 1000 fertiggestellte Songs.
Einiges kam schon wohlgestaltet auf den Markt. Etwa 2020 in Form der 13-Vinyl-Box des Klassikers „Sign o’ the Times“, wo qualitativ hochwertige Outtakes und Liveaufnahmen als Ergänzung des ursprünglichen Doppelalbums die Fans erfreuten. Auch beim „Diamond And Pearls“-Box-Set von 2023 kamen unveröffentlichte Songs ans Licht. Beim nun edierten „Timeless“ ging man die Sache anders an.
Das schlanke Einzelalbum enthält 10 wohlgewählte Lieder aus allen Schaffensperioden des Meisters, die in chronologischer Reihenfolge präsentiert werden. Es beginnt mit „I Am You“, einem grandiosen Outtake des Debütalbums „For You“ von 1978. Es endet mit einer ausgelassenen Liveversion von „How Come U Don’t Call Me Anymore“, einer Ballade, die zunächst von Soulsängerin Stephanie Mills (1983) und später von Alicia Keys (2001) gesungen wurde. Die nun veröffentlichte Version wurde 2016, wenige Wochen vor seinem Tod, in Oakland aufgenommen und zeigt Prince in seiner ganzen Ausgelassenheit und musikalischen Strahlkraft. „You’re breaking Ol’Prince’s heart“ murmelt er an einer Stelle, ehe seine Stimme wieder in höchste Höhen schnalzt. Die Fans singen beseelt mit. Das Pathos dieses Trennungssongs durchbricht er mit kleinen Scherzen. Auch musikalischen. Er beendet es mit dem seit dem 19. Jahrhundert bekannten Motiv „Shave And A Haircut 2 Bits“, das als siebenschlägiger Klopfcode ebenso bekannt ist wie als kürzestes Lied aller Zeiten.
„Timeless“ nennt sich die neue Kollektion trefflich. Denn die Musik von Prince ist tatsächlich zeitlos. Jede neue Generation entdeckt sie für sich. Diesfalls durch Netflix-Serien, wo sie gerne eingesetzt wird. Etwa in „Stranger Things“, wo „Purple Rain“ und „When Doves Cry” liefen. Für die Wiederverwertung sind das Goldene Zeiten. Jede Archivveröffentlichung muss sich mit dem messen, was zu Lebzeiten des Künstlers auf den Markt kam. Als neue Konkurrenz kam nun KI hinzu. Die heuer im Mai im Internet aufgepoppte Ballade „Unbeknownst 2 U“, ein wahrer Herzausreißer, entpuppte sich als KI-Fälschung, die beinah echter klingt als ein Original von Prince. So echt, dass viele Hardcore-Fans es nicht akzeptieren, dass es sich dabei um einen Fake handelt.
„Timeless“ klingt zwar auch teilweise spektakulär, ist aber durch und durch authentisch. Die neben dem ausgelassenen Opener „I Am You“ auffälligste Nummer ist sicherlich das üppig orchestrierte „Bestest Friend“, die auch in eingeweihten Kreisen gänzlich unbekannt war. Ein leichtfüßiger Ohrwurm ist „Calabama“ von 2003. Freunde krachender Gitarren kommen bei „The Guilty Ones“ auf ihre Kosten. Wer seine Hüften schwingen will, für den ist „Stone“ aus 1995, ideal. Oder „I Wonder“ aus der imperialen Phase von Prince.
Allesamt sind es sogenannte „Grower“ – Lieder, die mit jedem Hördurchgang reizvoller werden. Fazit: Das Beste von Prince sind selbstverständlich seine zu Lebzeiten veröffentlichten Alben, der Nachlass enthält allerdings viele kleine Perlen, die dem Gesamtbild zu neuem Glanz verhelfen.