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Österreich zählt weltweit zu den Ländern mit den höchsten Gesundheitsausgaben pro Kopf, wendet aber den größten Anteil davon für Akutmedizin auf. Nur zwei bis drei Prozent der Gesamt-Gesundheitsausgaben entfallen hierzulande auf präventive Maßnahmen.
In Anbetracht einer immer älter werdenden Bevölkerung und des Anspruchs auf eine Verlängerung der gesunden Lebensjahre sind sich Experten einig: Will man langfristig schwerwiegenden medizinischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen vorbeugen, muss die Präventionsquote erhöht werden.
Einigkeit herrscht unter Experten auch darüber, dass Impfen zu den wirksamsten präventivmedizinischen Interventionen für die öffentliche Gesundheit zählt. Doch gerade in Sachen Impfbereitschaft hinkt Österreich international hinterher. Wie problematisch dies ist, zeigt sich am Beispiel von Influenza. Nur weniger als jeder vierte über 65 Jahren ist hierzulande geimpft.
Österreich liegt damit deutlich unter dem EU-Durchschnitt (51 Prozent) und weit vom europäischen Zielwert von 75 Prozent entfernt. Die Folge: Österreich hatte im Jahr 2022 die höchste Influenza-Sterberate innerhalb der EU. Dass ein direkter Zusammenhang zwischen Todesfallzahlen und niedriger Durchimpfungsrate besteht, steht laut Fachleuten außer Frage.
»Die Hürde ist häufig nicht die Impfung selbst. Die größte Hürde ist der Aufwand: Termin vereinbaren, Zeit finden. Viele verschieben deshalb Impfungen monatelang. Patientinnen und Patienten brauchen einfachere Wege. Die Apotheken stehen mit bis zu 600.000 Patientenkontakten täglich zum Impfen bereit.«
Thomas W. Veitschegger
„Die entscheidende Herausforderung ist heute nicht die Finanzierung für die Patienten oder die Verfügbarkeit von Impfstoffen – sondern die sinkende Impfbereitschaft. Jeder nicht wahrgenommene Impftermin ist eine verpasste Chance für Prävention“, sagt dazu Thomas W. Veitschegger. Seit Jahren drängt der Präsident des Österreichischen Apothekerverbands darauf, dass Impfen auch in Apotheken möglich gemacht wird. Sein zentrales Argument: „Die Hürde ist häufig nicht die Impfung selbst. Die größte Hürde ist der Aufwand: Termin vereinbaren, Zeit finden. Viele verschieben deshalb Impfungen monatelang. Patientinnen und Patienten brauchen einfache Wege.“
Apotheken könnten diesbezüglich einen wesentlichen Beitrag leisten. Fakt ist, dass landesweit 95 Prozent der Menschen eine Apotheke in weniger als zehn Minuten erreichen und 64 Prozent der Österreicher zumindest ein Mal pro Monat in eine der rund 1.500 Apotheken kommen. 600.000 Personen sind es in ganz Österreich Tag für Tag. „Sie kommen wegen Medikamenten, wegen Beratung, wegen Gesundheitsfragen. Die Apotheke ist für viele Menschen die Eingangstür ins Gesundheitssystem“, betont Veitschegger.
Die Bundesregierung setzt stark auf die Impfung als wichtige Präventionsmaßnahme. Zusätzlich zum Ausbau des Impfprogramms für Erwachsene, das mit der kostenfreien Impfung gegen Herpes Zoster und Pneumokokken erweitert wurde, kündigte die Gesundheitsministerin im Februar an, Apotheken das Impfen spätestens ab 2027 flächendeckend zu ermöglichen. Für den Verbandspräsidenten ein Schritt in die richtige Richtung, dem nun weitere folgen müssen: „Jetzt kommt es darauf an, dass die Rahmenbedingungen festgelegt werden. Dazu gehören klare gesetzliche Vorgaben, einheitliche Qualitätsstandards und eine einfache Dokumentation. Wir brauchen eine Umsetzung, die praktikabel ist und den Menschen tatsächlich einen einfachen Zugang zu Impfungen ermöglicht.“
Veitscheggers Wunsch an das Gesundheitsministerium: „Geben Sie uns einen klaren, qualitätsgesicherten Rahmen – den Rest können wir.“ Die Apothekerschaft sei bestens vorbereitet, verfüge über die Infrastruktur, die Nähe und das Vertrauen der Menschen – und auch schon zu großen Teilen über die notwendige Ausbildung. „Rund 3.000 österreichische Apothekerinnen und Apotheker aus mehr als 1.000 Apotheken haben in den vergangenen Jahren die Impffortbildung erfolgreich absolviert – auf freiwilliger Basis. Wir sind da in Vorleistung gegangen.“
»Impfen in Apotheken ist ein zusätzlicher Zugang zu Prävention. Ich appelliere an die Ärztinnen und Ärzte, nicht Ängste vor Impfungen in der Bevölkerung zu schüren, indem sie das Impfen in Apotheken als riskant darstellen.«
Michaela Wlattnig
Dass Apotheken den Praxistests längst bestanden haben, zeigt ein Blick über die Landesgrenzen. „Schon 19 europäische Länder impfen erfolgreich in Apotheken. Viele davon seit Jahren. Die Ergebnisse sind eindeutig: hohe Patientenzufriedenheit, sichere Abläufe ohne nennenswerte Zwischenfälle und eine Erhöhung der Durchimpfungsraten“, sagt Ilaria Passarani, Generalsekretärin Pharmaceutical Group of the European Union (PGEU). Die höheren Impfquoten würden sich nicht zuletzt deshalb ergeben, weil Menschen über die Apotheken erreicht werden, die davor nicht erreicht wurden. Als Beleg dafür dient unter anderem die Situation in Dänemark, das bei Influenza eine Durchimpfungsrate von 78 Prozent bei den über 60-Jährigen vorweisen kann und wo rund 50 Prozent der Influenza-Impfungen in Apotheken durchgeführt werden, oder auch Deutschland. So ergab eine Patientenbefragung laut Angaben des Dachverbands ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, dass 17 Prozent der Geimpften die Impfung nur deshalb gemacht haben, weil es in einer Apotheke möglich war.
Eine weitere Erkenntnis aus dem Ausland laut Passarani: „Der Fokus in Apotheken auf einige wenige Impfungen ist oft nur der Startschuss.“ Auch das zeigt sich beispielhaft in Deutschland. Durften speziell geschulte Apotheker anfänglich lediglich Schutzimpfungen gegen Influenza und Covid-19 verabreichen, so hat im Sommer 2026 ein Gesetz die Befugnisse der Vor-Ort-Apotheken massiv erweitert. Seit dem Inkrafttreten der neuen Regelungen können Apotheken alle gängigen Totimpfstoffe eigenständig an Personen ab 18 Jahren verabreichen. Zur Impfung mit Lebendimpfstoffen, wie beispielsweise die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln, müssen hingegen weiterhin Arztpraxen aufgesucht werden.
»Wir waren immer Verfechter von mehr Breite im Impfangebot. Wenn Apotheken und die Vertreter anderer Gesundheitsberufe dazu beitragen, Ärzte beim Impfen zu entlasten und neue Gruppen zu erreichen, ist das ein Gewinn für alle im Gesundheitssystem – vor allem für die Patienten. Let’s do it!«
Peter McDonald
„Impfen in Apotheken ist ein zusätzlicher, niedrigschwelliger Zugang zu Prävention, gerade auch für jüngere Menschen, die oft gar keinen Hausarzt mehr haben oder nicht die Zeit, auf Termine zu warten. Und die Erfahrungen aus dem Ausland sind durchwegs gut“, sagt Michaela Wlattnig, Sprecherin der österreichischen Patienten- und Pflegeanwälte. Wichtig ist ihr, dass mit der Impfung in Apotheken auch Beratung, Dokumentation und Nachvollziehbarkeit im Sinne der Patientensicherheit einhergehen.
Offen seien zum Beispiel noch rechtliche Fragen, wenn es im Fall des Falles um die Durchsetzung von Ansprüchen geht. „Wir wünschen uns eine ähnliche Regelung, wie sie bei Arztbesuchen üblich ist. Sprich, dass die Patienten- und Pflegeanwaltschaften die Rolle als Stelle für kostenlose Beratung, Prüfung von Behandlungsfehlern und außergerichtliche Vermittlung übernehmen können. Guter Rechtsschutz ist notwendig, damit Patienten und Angehörige nicht gezwungen sind, sich privat anwaltlich vertreten zu lassen“, so Wlattnig. Als Misstrauen gegenüber Apotheken als Dienstleister will sie das keineswegs verstehen: „Wir haben volles Vertrauen, dass Apotheken alle Faktoren erfüllen, die der Patientensicherheit dienen.“
Den Plan, die Zuständigkeit für das Impfen auf Apotheken auszuweiten, begrüßt auch Peter McDonald, Vorsitzender des Dachverbands der Sozialversicherungen: „Wir waren immer ein Verfechter von mehr Breite im Impfangebot. Die Niederschwelligkeit hat großes Potenzial. In diesem Sinne darf man gerne auch größer denken. Sofern die Qualitätsstandards gesichert sind, sollten Impfstoffe schließlich dort zur Verfügung stehen, wo man sie braucht und wo die Menschen sind. Das können auch Schule und Arbeitsplatz sein.“ Es gehe grundsätzlich im Gesundheitswesen darum, alles zu tun, um der Vorsorge den Vorrang vor dem Heilen zu geben und so möglichst viele Menschen vom „Krankheitssystem“ fernzuhalten. Oberstes Ziel ist es laut McDonald, die Ressourcen im System optimal zu verteilen: „Wenn Apotheken und die Vertreter anderer Gesundheitsberufe dazu beitragen, Ärzte beim Impfen zu entlasten bzw. zu ergänzen, ist das ein Gewinn für alle Beteiligten – und vor allem für die Patienten.“
»Schon 19 Länder Europas impfen erfolgreich in Apotheken. Viele davon seit Jahren. Die Ergebnisse sind eindeutig: hohe Patientenzufriedenheit, sichere Abläufe ohne nennenswerte Zwischenfälle und eine Erhöhung der Durchimpfungsraten. Die österreichische Regierung kann sich an internationalen Modellen orientieren und die Erfahrungen für sich nutzen. Also: Speed up, make it real!«
Ilaria Passarani
„Wir nehmen keinem Arzt eine Impfung weg. Wir wollen und werden keine Konkurrenz sein. Es geht uns ausschließlich um ein breiteres Angebot und eine gemeinsame Erhöhung der Durchimpfungsraten“, stößt Verbandspräsident Veitschegger ins gleiche Horn. Dass ein kooperatives Miteinander nach anfänglichen Störgefühlen möglich ist, lässt sich laut Illaria Passarani unter anderem am Beispiel von Irland dokumentieren: „Dort hat sich das gemeinsame Impfen zu einer klassischen Win-win-Situation entwickelt. Nachdem die Politik das Impfen in Apotheken erlaubte, zeigte sich, dass nicht nur die Durchimpfungsrate in Apotheken massiv stieg, sondern parallel auch die Arztpraxen ein signifikantes Plus an Impfungen verzeichneten. Die anfängliche Skepsis der ärztlichen Standesvertretungen wich einer pragmatischen Akzeptanz, da beide Seiten von der gesteigerten Impfbereitschaft der Bevölkerung profitieren.“
Österreich, so der abschließende Tenor der Experten, kann von vielen erfolgreichen europäischen Modellen lernen. Das Motto: Gesundheitsversorgung funktioniert nicht im Silodenken, sondern als Teamarbeit.