Nicole Kidman strahlt. Schon bei den Pariser Modeschauen im Jänner wirkte sie gelöst, ganz graziös gab sie sich Mitte März auf dem Titelblatt der US-Zeitschrift „Variety“. In einem Hauch von Chanel. Im Heft steht sie in Pumps, weißer Bluse, Strümpfen mit allerhöchstens fünf Den und Spitzenhöschen hinter einem Nachtkasterl. Auf den weniger lasziven Bildern nimmt sie typische Machtposen ein, steht oder sitzt breitbeinig da. Und freilich fehlt auch das berüchtigte kleine Schwarze nicht in dieser Strecke, die die erste nach ihrer Scheidung ist.
Punkt für Kidman. So rechnet man neuerdings. Aus jeder Trennung geht eine Person als Sieger und eine als Verlierer hervor, lehrt und lernt man dieser Tage auf TikTok. Bewertungssysteme gibt es unterschiedliche. Ein paar Spirituelle setzen auf Heilung, Therapie und Selbstliebe, die meisten aber auf das äußerliche Aufblühen (im Jugendjargon: „Glow up“) und zunehmenden Erfolg. Nun sieht Kidmans Nicht-mehr-Ehemann Keith Urban, ein eher in Übersee bekannter Country-Sänger, seit jeher irgendwie gleich aus. Knapp zwanzig Jahre trägt er sein Haar schon gestuft und blond gesträhnt. Eine mutige Typveränderung blieb bisher aus, in dieser Kategorie geht der Mann also leer aus.
In Sachen Karriere ist ihm seine Ex allemal davongesaust. Kidman fungierte heuer in der Oscarnacht als Presenterin, bei der Met Gala – dem wichtigsten Modespektakel eines jeden Jahres – als Co-Gastgeberin neben Anna Wintour, bei zahlreichen Modenschauen saß sie in der so begehrten Front Row. Hinzu kommen eine Vielzahl an Film- und Serienprojekten, im September kommt etwa die Fortsetzung des Kultfilms „Zauberhafte Schwestern“ (1998) mit Schauspielkollegin Sandra Bullock in die Kinos. „2026, Here we go“, freute sich Kidman im Interview mit „Variety“, sie werde heuer ihre innere Hexe nähren. Einst als Monster verfemt, gilt die Hexe heute ja als feministische Ikone: alleinstehend, weise und selbstbestimmt.
So will frau online heute sein. Nur halt auch schön. Mehr Sabrina Spellman („Sabrina – total verhext“), weniger Knusperhexe („Hänsel und Gretel“). Freilich nicht alle, jedenfalls aber diejenigen, die Trennungen zum Schlachtfeld erklären. Prinzessin Diana hat im kleinen Schwarzen, kurz nach Charles’ Ehebruchsgeständnis, ja nicht nur mit einem herzigen Lächeln bezirzt, sondern auch mit ihren schlanken Beinen. Es war ein skandalöser Bruch mit der royalen Etikette, dass ihr Kleid oberhalb des Knies endete; dem untreuen Ehemann stahl sie damit klar die Show. Punkt für die Prinzessin.
Im kleinen Schwarzen. Princess Diana Archive/Getty
Nun ist nicht jeder frische Single auch ein Promi. Die großen Bühnen und Titelblätter dieser Welt bleiben den allermeisten verwehrt. Da lobt man sich die sozialen Medien! So kommt doch noch ein jeder zum öffentlichen Outlet, kann Erfolge und „Glow ups“ zur Schau stellen – was frisch Getrennte gerne tun. Es ist wissenschaftlich belegt, dass die Posting-Frequenz nach dem Liebes-Aus häufig nach oben schnellt. Man nennt das „kompensatorisches Internet-Verhalten“. Mit Herzerl und Kommentaren soll das angeknackste Selbstwertgefühl wieder aufgepäppelt werden. Oder Postings werden schlicht als strategisches Instrument genutzt, um dem oder der Ex zu zeigen, wie gut es einem geht. Frei nach dem Motto des englischen Schriftstellers George Herbert: „Gut zu leben, ist die beste Rache.“ Frank Sinatra soll es später ganz ähnlich formuliert haben.
»Die beste Rache ist massiver Erfolg.«
Frank Sinatra
US-Musiker
Überhaupt sind Beziehungen heute stärker Teil der eigenen öffentlichen Erzählung geworden. Somit wird auch die Trennung narrativ bearbeitet – als eine Art Wiederauferstehung vor dem impliziten Publikum. Einfältig sind dazu die Anleitungen auf TikTok: „Nutze deinen Herzschmerz als Treibstoff“, heißt es da. „Zehnmal produktiver“ soll man werden, „zehnmal gesünder“. Bücher lesen und Sport machen, gut kochen und neue Freunde finden; alles Tipps, die findet, wer „how to win a break up“ eintippt. Ein offensichtliches Alpha-Männchen rät seinen Followern neben dem Muskelaufbau dazu, mehr Geld zu machen. Ziel ist in jedem Fall, am Ende „außerhalb der Liga“ des jeweils anderen zu sein.
Nicht immer ist der sogenannte Thrive Post (übersetzt: aufblühen) eine rein oberflächliche Performance. Aus der Forschung weiß man, dass positive Gedanken und Gefühle durchaus beim Bewältigen von Krisen helfen können. Nur kippt ein solcher Zugang in seiner Zuspitzung rasch in eine Art Zwangsoptimismus, im Englischen: „Tyranny of Positivity“, wonach Krisen sofort lehrreich und produktiv bewältigt gehören.
Fragwürdig ist auch der daraus gewachsene Wunsch nach Trennungen. Ein User formuliert es auf TikTok so: „Ich wünschte, Männer würden öfter Trennungen erleben.“ Ein Liebes-Aus sei laut ihm nämlich das Einzige, was einen Mann dazu antreibe, viel zu erreichen (wiederum: Geld und Muskeln).
Ein letzter Blick in die Forschung: Verhaltenspsychologe Paul Dolan will 2019 herausgefunden haben, dass vom Eheleben vor allem die Männer profitieren. Frauen lebten besser allein. Statistisch heißt es also: 1 zu 0 für sie.
Die Serie „Gefühlssache“ dreht sich um Fragen, die viele von uns umtreiben: Was, wenn er Kinder will, sie aber nicht? Mit 50 ein Neuanfang. Geht das? Und was sagen Sexfantasien über uns aus? „Presse“-Redakteurinnen Eva Dinnewitzer, Christine Mayrhofer, Magdalena Mayer und Sissy Rabl widmen sich hier den großen und kleinen Gefühlen.