Chinas Staatschef Xi Jinping zog alle Register, um Donald Trump in Peking einzuseifen und sich als neuer Herrscher der Welt zu inszenieren. Manche subtile Spitze bekam der US-Präsident vermutlich gar nicht oder erst zeitverzögert mit. So schleppte Xi seinen 79-jährigen Gast die endlos langen Stufen zum Himmelstempel hinauf, einem Symbol für die kosmische Ordnung, in deren Mittelpunkt natürlich China steht. Beim Hinaufklettern ging Trump merklich die Puste aus.
In einer Erklärung warnte der chinesische Machthaber geistreich davor, in die Thukydides-Falle zu tappen. Er bezog sich dabei auf den antiken Historiker Thukydides, der den Peloponnesischen Krieg wegen der Angst Spartas vor dem Aufstieg Athens als unausweichlich beschrieben hatte. Implizit spielte Xi damit auf den relativen Niedergang der USA an, den Trump dann in einem seiner manischen Postings den vier Amtsjahren seines Vorgängers Joe Biden zuschrieb. Doch der US-Präsident fühlte sich sicherlich geschmeichelt, als zum Abschluss des Staatsbanketts eine chinesische Militärkapelle seine Lieblingshymne Y.M.C.A für ihn spielte.
Er schwärmte danach von „fantastischen Handelsdeals“, die seine Regierung mit China geschlossen habe. Details sickerten kaum durch. Die chinesische Seite hielt sich bedeckt. Immerhin ist es Trump gelungen, den kalten Handelsfrieden mit China aufrechtzuerhalten. Das ist anerkennenswert. Die letzte Konfrontationsrunde, in der die Volksrepublik den USA die Grenzen aufgezeigt hat, wirkt nach. Trump musste damals seine dreistelligen Zölle zurücknehmen, nachdem Xi damit gedroht hatte, keine seltenen Erden mehr zu liefern, die US-Unternehmen für ihre Hochtechnologie brauchen. Die Vereinbarung, die Trump und Xi bei ihrem Gipfeltreffen vergangenen Herbst im südkoreanischen Busan unterschrieben haben, läuft jedoch Ende November aus.
Und bis dahin scheint so ziemlich alles zur Disposition zu stehen. Trump benötigt einen Deal für Exporte von Sojabohnen und Rindfleisch, um vor der Zwischenwahl im November US-Bauern bei Laune zu halten. Er kann auch Hilfe gebrauchen, um den Iran-Krieg zu beenden. Doch wirklich Druck hat China auf seine iranischen Verbündeten bisher nicht gemacht. Die strategischen Ölvorräte reichen offenbar noch ein paar Wochen. Und Xi Jinping genießt jeden Tag, an dem die USA als Weltmacht ohne Durchsetzungskraft vorgeführt werden.
Einen taktischen Erfolg hat Xi in der Taiwan-Frage errungen. Zuerst warnte er die USA unwidersprochen davor, den demokratischen Inselstaat, den Peking als abtrünnige Provinz betrachtet, militärisch zu unterstützen. Und dann knickte Trump in einem Interview mit „Fox News“ gleich doppelt ein. Der US-Präsident erklärte, dass er nicht in einen Krieg ziehen werde, falls Taiwan seine Unabhängigkeit ausrufe. Und er bezeichnete Taiwan ungeniert als Verhandlungsmasse.
Tatsächlich hält Trump Waffenlieferungen an Taiwan in zweistelliger Milliardenhöhe zurück, obwohl es dafür längst grünes Licht gibt. Damit verletzt er einen zentralen Aspekt der sechs Zusicherungen, die US-Präsident Ronald Reagan der bedrängten Insel 1982 gegeben hat. Darin ist nämlich ausdrücklich festgehalten, dass die USA Waffenverkäufe an Taiwan nicht von Konsultationen mit China abhängig machen.
Menschenrechte sprach Trump in Peking gar nicht erst an. Das scheint völlig aus der Mode gekommen zu sein. China kann fast unwidersprochen sein Hochglanzbild einer modernen Supermacht in die Welt projizieren. Dabei ist die Volksrepublik ein Riese auf tönernen Füßen. Die wirtschaftliche und technologische Aufholfjagd der vergangenen Jahrzehnte ist eine beeindruckende Erfolgsgeschichte, doch zugleich hat China mit enormen strukturellen Schwächen zu kämpfen. Es leidet immer noch an den Folgen einer tiefen Immobilienkrise. Die Inlandsnachfrage ist anhaltend schwach, die Jugendarbeitslosigkeit hoch. Subventionierte Überproduktion und Verschuldung machen das Land fast so verwundbar wie die Überalterung. Vor allem aber ist China eine Diktatur, die Grundrechte ihrer Bürger missachtet.
Das könnte man sich in Europa und in den USA, die zweifellos genug eigene Probleme haben, hin und wieder vor Augen führen, anstatt sich lustvoll in Untergangsphantasien zu ergehen und chinesischer Staatspropaganda auf den Leim zu gehen.
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