Musil pflegte viel Umgang mit Naturwissenschaftlern. Zuletzt merkte er indigniert an, dass er sehr wohl an ihren Theorien interessiert sei, sie aber kaum an seiner Literatur. Wenn wir uns als Schriftsteller heute mit naturwissenschaftlichen Strategien und Erkenntnissen beschäftigen, mag ein halb bewusster Grund auch darin liegen, dass wir meinen, den Erkenntnischarakter, den gute Literatur durchaus hat, dadurch breiter aufstellen und besser absichern zu können, was aufs Erste zwar einleuchtend wirkt, aber wohl ein Irrglaube ist – zu unterschiedlich sind die Wege zur Erkenntnis in Kunst und Wissenschaft, sodass eine Ähnlichkeit der Ergebnisse wohl diesem oder jenem geschuldet sein mag, bestimmt aber keiner Stringenz.
Die Liebe wird immer eine Reise ins Unbekannte sein. Kennst du auch die Geliebte, den Geliebten gut – was bestimmt manche glauben –, so weiß doch niemand, wie sie/er sich im Lauf der Zeit wandeln, wohin sie/er sich entwickeln wird. Selbstbetrug und Betrug – wer will das sauber auseinanderhalten? Liebe ist eben nie Besitz, sondern eher etwas wie eine Option, ein Versprechen auf gewisse Güter: auf Geborgenheit, auf Freude, auf sexuelle Erfüllung, auf den Wahnsinn der Selbstentäußerung, ja gelegentlich auf unausweichlichen Krieg, auf die lustvoll erlebte Vernichtung: ich oder du?
Diskurs, das ist ein Austausch von Zeichen nach vereinbarten Regeln. Ein Blitzschlag läuft zwar nach Regeln ab, die aber nicht vereinbart sind, also kann in dem Fall nicht von einem Diskurs gesprochen werden. Im Kunstwerk finden wir eine Mischung aus diskursiven und nicht diskursiven Mustern in inniger Verschränkung. Beinah möchte ich sagen: Je großartiger das Kunstwerk, desto reicher, damit undurchdringlicher das Konstrukt, ein tatsächlich wunderbar organisiertes Durcheinander von, sagen wir mal, Leserlichem und Unleserlichem: Friss, Vogel, oder stirb!
Lernen ist nicht nur eine der wichtigsten, es ist auch eine der edelsten Beschäftigungen des Menschen. Du lernst ja nicht für dich allein, du lernst für alle.
Wären Graffiti politisch oder sonst in irgendeiner Weise informativ, anregend oder gar gefährlich, sie wären längst verboten. Es ist ein Freiheitsraum, der da geschaffen ist: Er kostet niemanden etwas (außer die Besitzer der jeweiligen Mauern), ist pseudo durch und durch. Ein weiterer, sich durchaus anbietender Befreiungsakt ebensolcher Art wäre die straflose Freigabe öffentlichen Geschlechtsverkehrs, bloß ein gewisser Jugendschutz wäre in einer Übergangszeit eventuell zu berücksichtigen: Freiheit über alles!
Es gibt Zeiten, da scheint es in der Kunst bloß Unterhaltung zu geben – auf diesem Niveau oder auf jenem. Zum Teil liegt das gewiss an der Kunst selbst, zum anderen an der Haltung der Gesellschaft, ja, in der Einstellung der Menschen zum Leben überhaupt.
Ob Österreich es noch einmal schafft, zum Laboratorium für den Weltuntergang zu werden? Hochstapelei? Mir kommt vor, diesmal wird es nur zum eigenen Untergang reichen, und auch das nicht richtig, eher ein Gehumpel ins Out. (Pessimismus = eine Form von Dummheit, zumindest Denkfaulheit.) Also denk nach!
Der Künstler schafft Räume, in denen man sich ergehen und vielleicht auch finden kann, in Zustimmung oder Ablehnung – oder einfach neutral, erkennend: Aha!
Gehen wir, sagen wir mal, von einem marxistischen Weltbild aus, werden wir, was die Data-Bases betrifft, ein anderes Setting wählen, ja wählen müssen, als wenn wir ein neoliberales Konzept favorisieren. Was ich damit sagen will: Die auf Grund solcher Datensammlungen erstellten Prognosen funktionieren nur im Rahmen der ihnen zugrundeliegenden ideologischen Vorstellungen.
Geht das Leben zu Ende, will einem bald vorkommen, als hätte ein Regisseur die Möblierung der vertrauten Lebenswohnung ein wenig umgestellt. Fast kennt man sich nicht mehr aus! Manches scheint hübsch geworden zu sein, schöner, als man gedacht hätte. Anderes wieder schaut ganz trostlos her. Was soll im Übrigen das Zeug da, über das ich gerade gestolpert bin?
Spät wird manches, was einen selbst betrifft und vordem schrecklich gewesen wäre, nur noch mühsam oder gar lächerlich.
Die Sprache erlaubt den Menschen die Konstruktion komplexerer Schemata – einerseits gewiss ein Gewinn – und andererseits? Die Gewissheit, abgeleitet aus in der Ideologie begründeten Urteilen, ist vielfach wohl nicht mehr als Verblendung.
Aus dem Irrgarten der Ideologien gibt es keinen Weg zurück zur Natur. Natur – allein schon der Begriff Natur ist reine Ideologie. Skepsis, wohldosierte Skepsis – unsere einzige Remedur?
Wenn Sloterdijk fragt: „Wo ist die Menschheit falsch abgebogen?“ und dafür die Entdeckung des Feuers im Zusammenwirken mit menschlicher Körperkraft benennt, gebe ich zu bedenken: Ist nicht das Auftreten von, nennen wir es einmal so, von Führerfiguren mit ihrem in psychologischer Aberration begründeten unbedingten Behauptungsgestus, der keinerlei Widerspruch duldet, oft kombiniert mit der Errichtung gewaltiger Systembauten, die sich gleichsam an die Stelle der Welt setzen – ist dieses Phänomen nicht ebenso entscheidend für den Weg, den die Menschheit genommen hat – vielleicht von größerem Gewicht?
Die Diagnose gibt dem Analytiker eine Art Orientierung, hilft aber dem Patienten wenig. Der Patient muss von seiner Geschichte her, seinen Verhältnissen, seinen Ängsten, Wünschen und Hoffnungen her verstanden werden, nur so kann man ihm helfen. – Was etwa in diesem Sinn C. G. Jung über die ärztliche Tätigkeit sagt, passt es nicht genauso gut auf das Verhältnis zwischen dem Intellektuellen und der Gesellschaft, auf die er sich kritisch bezieht?
Würde Proudhon den massenhaften Diebstahl von geistigem Eigentum durch die KI-Industrie noch erlebt haben, der Vorgang hätte ihn wohl kaum verwundert: Eigentum ist Diebstahl, dieses logisch leider windschiefe Diktum hat doch gelegentlich etwas an sich.
Meist ist ja nicht die Technik und ihr Fortschritt das Problem, sondern der Umstand, dass die jeweils Mächtigen sich die so entstandene Ungleichzeitigkeit zunutze machen, sie ausnützen.
Wenn Carl von Linné im 18. Jahrhundert eins seiner Herbarien mit dem Satz überschreibt: Amor unit plantas kann er wohl als Gesinnungsfreund und entfernter Verwandter von Kropotkin gesehen werden, der, was die Zusammenhänge in Tier- und Menschenwelt angeht, ihren Hauptcharakter in kooperativen Verhältnissen sah, im Zusammenwirken – ganz im Gegensatz zu Darwin, der Konflikt und Kampf ums Überleben in den Vordergrund stellte, eine Ansicht, die rasch die Oberhand erringen sollte.
Schreibst du etwa das Wort Barmherzigkeit hin, befällt dich bald das Gefühl, etwas Historisches aufzurufen, herbeizuzitieren, etwas jedenfalls, das erst übersetzt und ausgedeutet werden muss, um in heutigen Verhältnissen recht verstanden zu werden.
Ich glaube, Kropotkin hat recht damit, wenn er sagt, dass Gutes tun Unsterblichkeit verschafft, weil das Gute in den und durch die damit Bedachten weiterwirkt. Probier’s aus!
Es ist ja leicht, Hoffnungen als Illusionen hinzustellen, wenn die Macht es will. Welche Macht? Nun jede, sei es die einer Regierung, einer sonst einflussreichen Gruppe oder Clique oder schlicht die der von den Medien beeinflussten oder gelenkten öffentlichen Meinung.
Die Geschichte der Menschheit könnte man auch als Geschichte der von ihr erfundenen und entwickelten Techniken beschreiben: Feuer, Schrift, Buchdruck, Atomspaltung, KI etc. Der direkte Zugang zu den Phänomenen? Er blieb gewissen spirituellen Praktiken vorbehalten, der Zauberei, der Meditation, der Kunst.
Was können wir Höheres anstreben als eine Verbindung von klassischer Klarheit, Präzision der einmal gefassten Gedanken, verbunden mit dem Wissen, dass der Ausgangspunkt allen Denkens und folglich unserer Handlungen Gefühle sind, physiologische Vorgänge, die mit Vernunft nichts zu tun haben, vielmehr in Gestalt romantischer Nebel späterhin unsere Gedanken durchziehen, sie trüben, verschleiern, bereichern – was weiß ich.
Zur Person
Peter Rosei ist Doktor der Rechtswissenschaften, seit 1972 freier Autor. Er lebt in Wien und auf Reisen und erhielt u. a. den Franz-Kafka- und den Anton-Wildgans-Preis. Zuletzt erschienen: „Unsterbliche Seelen“ (Residenz).