„Mit Nacktschnecken arbeiten wir in diesen Experimenten nicht, denn die fressen sowieso alles auf“, erzählt Christine Sheppard fast lachend über die Versuche in den Boku-Gärten auf der Türkenschanze in Wien Währing. Die aus der Schweiz stammende Forscherin ist nach Stationen in Neuseeland und Deutschland seit knapp einem Jahr in Wien, hat im September den Boku-Lehrstuhl für Botanik und Vegetationsökologie übernommen und leitet seit Jänner 2026 das Institut für Botanik. Im Gespräch erklärt sie, welche Ökosystem-Folgen die Invasion von gebietsfremden Pflanzen hat. Neben der Störung der Artengemeinschaft und dem Verdrängen von einheimischen Pflanzen und Tieren sind weitere Folgen der Ansiedlung neuer Spezies auch ihre Auswirkungen auf Nahrungsnetze und größere Zusammenhänge in einem Wiesen- oder Waldsystem.
Das erste Projekt, das Sheppard an der Boku betreut, untersucht, wie sich zum einen der Klimawandel auf Invasionen in Halbtrockenrasen auswirkt, aber zum anderen auch, wie Herbivoren, das sind Pflanzenfresser, auf neu eingewanderte Arten reagieren. In den Versuchsreihen sind als Pflanzenfresser nicht Ziegen oder Nacktschnecken eingeplant, sondern Raupen, Häuselschnecken und ähnliche Pflanzenschädlinge unserer Region, die nicht einheitlich alles verputzen, was ihnen vor das Maul kommt.
Christine Sheppard in einem der Springkraut-Experimente. Sheppard
Sheppard forscht seit ihrer Master- und PhD-Arbeit an den kurz- und langfristigen Dynamiken der Pflanzenvielfalt. Bei der Ausbreitung gebietsfremder Arten spielen nicht nur der Klimawandel und die Erderwärmung ihre Rollen, sondern auch der Mensch mit Reisetätigkeiten, globalem Handel und dem Schmücken von Gärten mit nicht heimischen Arten.
Pflanzeninvasionen und ihre Wechselwirkung mit anderen Arten, seien es Tiere, Pflanzen oder Pilze, die in Symbiose oder als Schädling wirken können, sind das Spezialgebiet von Sheppard. In den Versuchsgärten kontrolliert ihr Team nun, wie sich herbivore Schnecken oder Raupen verhalten, wenn sie in Artengemeinschaften mit gebietsfremden Pflanzen nach Futter suchen und in solchen, die dem ursprünglich heimischen Ökosystem entsprechen. Der nächste Schritt werden großflächige Freilandtests bei Groß-Enzersdorf in der Versuchswirtschaft der Boku sein.
Die Versuchsstation an der Uni Hohenheim bei Stuttgart: Hier wurde getestet, wie invasive Pflanzen und heimische Bestäuber aufeinander reagieren. Sheppard
In früheren Versuchen konnte Sheppards Team, das bis zum vorigen Sommer an der Universität Hohenheim in Stuttgart beheimatet war, herausfinden, wie Bestäuber auf gebietsfremde Arten reagieren. In den Versuchsgärten ließ man das Drüsige Springkraut, das sich seit einigen Jahren über Mitteleuropa immens ausbreitet, mit heimischen Pflanzen wachsen. „Wir haben das auch an Freilandstandorten überprüft, den Vergleich zwischen invadierten und ursprünglichen Artengemeinschaften“, sagt Sheppard.
Bisher deuten die Ergebnisse darauf hin, dass invasive Pflanzen wie das Drüsige Springkraut auch die Beziehung zwischen Bestäubern und einheimischen Pflanzen beeinflussen. Dazu wurden verschiedene Bienenarten in Netzkäfigen auf Versuchsflächen eingebracht. „Das waren die Mauerbienen, eine solitär lebende Wildbiene, und Nester der Erdhummel“, erzählt Sheppard. Beide Bienenarten kann man für landwirtschaftliche oder wissenschaftliche Zwecke erwerben. Sie gehören wie 700 andere Arten in Österreich zu den heimischen Wildbienen. Honigbienen verwenden die Forschenden in Experimenten über Pflanzen-Bestäuber-Interaktion nicht, weil solche von Menschen gehaltenen Völker nicht Teil der ursprünglichen Artengemeinschaft sind.
„Manche Menschen unterschätzen, welche hohe Ökosystemleistung Insekten als Bestäuber für uns bringen“, betont die Ökologin. In den Versuchsflächen mit hoher Dichte an Drüsigem Springkraut erhielten niedrig wachsende heimische Pflanzen deutlich weniger Besuche von Wildbienen als in rein einheimischer Artengemeinschaft. Die großen Blüten der Invasiven mit reichhaltigem Nektar und Pollen locken jene Bestäuberarten an, die als Generalisten zu zahlreichen Blüten fliegen. Dadurch erhalten die vielleicht unscheinbareren heimischen Blüten oder solche, die weniger Nektar anbieten, weniger Bestäuberbesuche.
Das Drüsige Springkraut (Impatiens glandulifera) stammt aus der indischen Region und gilt in Europa als invasive Art, die andere verdrängt. Sheppard
Ein klarer Schaden für die Biodiversität: Die Artenvielfalt der Bestäuber war in den invadierten Standorten viel niedriger – vermutlich, weil die auf wenige Blüten spezialisierten Insekten weniger heimische Pflanzen vorfanden, wo solche vom konkurrenzstarken Springkraut verdrängt wurden.
„Bei manchen Pflanzen war auch die Qualität der Samen verringert, vermutlich, weil die Bestäuber voll waren mit Pollen des Springkrauts und diese Mischung zu keiner guten Samenqalität führt.“ Überraschend war, dass jene Pflanzen, deren Blüten ganz anders aussehen als das Drüsige Springkraut, im Endeffekt eine höhere Qualität der Samen hatten: „Sie bekommen zwar weniger Bestäuberbesuche ab. Aber der Pollen, der auf den heimischen Pflanzen landet, ist nicht verunreinigt und führt daher zu einer guten Samenqualität.“
Das Drüsige Springkraut ist übrigens so wie Ragweed, der Götterbaum, die Kanadische Goldrute oder das in Teichen wuchernde Nadelkraut auf der EU-Liste der „Alien Species“ gesammelt. „Diese offizielle Sammlung ist bekannt als die List of Union Concern, mit all den invasiven Arten, die im europäischen Raum die größten Probleme verursachen“, sagt Sheppard, die stets betont, dass nicht alle gebietsfremden Arten automatisch zu Schäden führen. Jene eingewanderten oder eingeschleppten Arten, die noch nicht als invasiv gelten, bemerken wir kaum. „Alles, was uns als gebietsfremd auffällt, ist meist schon invasiv, weil es sich so stark ausbreitet, dass es heimische Arten verdrängt oder negativ beeinflusst.“
Aus ihrem Spezialgebiet der Asteraceae (Korbblütler-Pflanzen) ist zum Beispiel das Schmuckkörbchen zwar gebietsfremd in Europa, aber noch keine invasive Spezies; die Kanadische Goldrute ist aber sehr wohl in Mitteleuropa invasiv. Zur Ausbreitung dieser Pflanzen hatte Sheppard schon in ihrer Dissertation an der Uni Auckland in Neuseeland geforscht: „Dort wandern inbesondere auch Arten aus den subtropischen Regionen in Ökosysteme ein, wo sie ursprünglich nicht heimisch waren.“
So wuchert die Kanadische Goldrute (Solidago canadensis) in der Schwäbischen Alb. Sheppard
Besonders spannend findet Sheppard das Augenmerk auf mittelfristige Veränderungen: „Evolutionäre Anpassungen sind in kurzen Zeitskalen möglich: Über relativ wenige Generationen passen sich die invasiven Arten an ihre neuen Regionen an.“ Solche Veränderungen über die Zeit sind relevant, wenn man Naturschutzmaßnahmen ergreifen möchte.
Das Plädoyer für mehr Artenvielfalt und den Schutz heimischer Ökosysteme richtet Sheppard auch an die Landwirtschaft und Agrarforschung. „Ich beschäftige mich mit Ackerwildkräutern, deren Vielfalt direkten Einfluss auf die Qualität der Nutzpflanzen und des Ernteertrags hat.“ Ganz vehement wehrt sich Sheppard gegen den Ausdruck „Ackerunkräuter“: „Die Ackerwildkräuter haben eine enorme Wichtigkeit für die Landwirtschaft und für die Ökosystemleistungen.“ So lockt eine Pflanzenvielfalt entlang von Feldern und Äckern mehr Bestäuber an, regelt den Wasserhaushalt des Bodens und sorgt für erweiterten Lebensraum von Prädatoren: „Hier siedeln sich diverse Insekten an, die Schädlinge fressen können.“
So schaut eine Experimentserie aus: Tests mit Invasionenan der Uni Hohenheim. Sheppard
Und zum Abschluss betont Sheppard: „Auch die kulturelle Ökosystemleistung darf man nicht unterschätzen: Menschen erfreuen sich einfach daran, wenn sie im Naturraum unterwegs sind und solche schönen bunten Pflanzen sehen.“ Den Boku-Studierenden bringt Sheppard die Ökologie von Wiesengemeinschaften auch bei Exkursionen nahe: Die kommende Lehrveranstaltung führt gar nicht weit weg von den Hörsälen, direkt in den Pötzleinsdorfer Schlosspark in Wien Währing.
→ Die Liste der 1388 als invasiv eingestuften Pflanzenarten in Österreich wurde kürzlich aktualisiert. „Checklist of Austrian neophytes”: www.preslia.cz/article/11584
LEXIKON
Gebietsfremde Arten sind Tiere, Pflanzen oder Pilze, die sich durch menschlichen Einfluss in Regionen ansiedeln, in denen sie natürlicherweise nicht vorkommen.
Invasive Arten sind eine Gruppe der gebietsfremden Arten: Es sind jene Tiere, Pflanzen oder Pilze, die sich stark ausbreiten und nachweislich Schäden verursachen (ökologische, wirtschaftliche, gesundheitliche). Etwa durch Verdrängung heimischer Arten oder Veränderungen von Lebensräumen. Invasive Arten fallen nicht unter den klassischen Artenschutz, sondern ziehen den Fokus von Prävention, Eindämmung und Management auf sich.
In der EU sind aktuell 114 Arten als invasiv gelistet: 65 Tierarten „of Union concern“ und 49 Pflanzenarten.