Ursula Riegler kommt gerade erst aus Schlierbach – wo sie einen Podcast aufgezeichnet hat – und gleich zum Punkt. „Wir haben so viele Informationen über Essen wie noch nie und gleichzeitig wissen wir so wenig darüber, es wird teilweise anstrengend, es wird dogmatisch“, sagt sie am Telefon, als sie aus dem Zug gestiegen ist. „Ich will versuchen, mir die Fragen und Themen mit wissenden Gesprächspartnerinnen anzuschauenen. So, dass man das Gefühl hat, man sitzt mit am Tisch.“
Wer sich in der Kulinarikblase bewegt, dem ist die 48-Jährige wahrscheinlich schon untergekommen, im Vorjahr wurde „Essenziel“ bei den Austrian Food Blog Awards zum besten österreichischen Kulinarikpodcast gewählt. Seit zweieinhalb Jahren spricht Riegler darin über verschiedenste Themen im Dunstkreis der Kulinarik: von Pferdefleischkonsum über Essenszusteller, von Protein bis Naturwein, von Jagd bis zur Barzahlung in der Gastronomie – und am Freitag bei einem Event vor dem Funkhaus über Gegenwart und Zukunft des Würstelstandes (siehe Factbox), und zwar voraussichtlich wie immer: sachlich und unaufgeregt.
„Wir versuchen gerade beim Essen häufig, den Menschen in unserem Umfeld unser Ding überzustülpen, das ist oft Meinung und hat nichts mit objektiver Sachlage zu tun“, sagt Riegler. Ob beim Fleisch („Da führ ich an Essenstischen sehr oft Diskussionen mit Menschen, die völlig out of the blue empört Sachen sagen wie: ‚Ah, warum muss das jetzt veganes Schnitzel heißen…‘“) oder beim Naturwein: „Überall, wo man das Gefühl hat, es gäbe vermeintlich nur Entweder-Oder.“
Mit kontroversen Themen umzugehen hat sie gelernt: Bevor sie sich 2020 mit ihrem Beratungsunternehmen selbstständig gemacht hat – und wenig später einen ersten, von der AMA-Marketing herausgegebenen Podcast startete, 2023 dann ohne externe Herausgeber den jetzigen, den sie seit einem Jahr alleine betreibt –, war die gebürtige Salzburgerin im Büro des dortigen Agrarlandesrats Sepp Eisl (ÖVP), bei McDonald‘s und Coca Cola.
„Die Karriereleiter des Bösen“, sagt Riegler dazu scherzhaft: „Politik und zwei große internationale Konzerne, das ist vielen Menschen suspekt. Ich nehm das immer auf die Schippe und sage: Als nächstes gehe ich dann zum Internationalen Olympischen Komitee. Die Leute finden das entweder lustig oder sie denken sich: Sie spinnt.“ Was sie in der Politik gelernt habe: „Man muss nicht geliebt werden von den Leuten – man muss den Job sauber machen und dazu stehen können.“ Das sei bei ihr der Fall gewesen.
„Ich habe gewusst, dass ich Dinge, die mir wichtig sind, verändern kann. Ich habe außerdem strategisches Denken gelernt, schnelles Analysieren, Entscheidungen treffen und dass es oftmals viele Sichtweisen auf ein Thema geben kann“, sagt sie. „Und ich habe mich nie total vereinnahmen lassen. Ich habe auch niemanden gezwungen, zu McDonald‘s zu gehen. Ich habe gesagt: Ich biete Infos an, lasst uns sachlich diskutieren und versuchen, Klischees und Bullshit wegzubringen.“ Gilt das auch für den Podcast? „Ich glaube, das ist es. Wahrscheinlich treibt mich das grundsätzlich an.“
Was sie mit ihrem Podcast bieten will: „Eine Quelle, bei der man sagt: Da hör ich rein, da bekomme ich Informationen ohne Bewertung und kann mir dann meine eigene Meinung bilden oder weiterbilden. Manchmal kriegt man das Gefühl, dass die Leute oft Angst haben, was falsch zu machen. Angst halt ich für einen Blödsinn – und da kann man nur mit Informiertheit dagegen antreten.“ Ein Ziel, das sie selbst hat, wenn sie etwa bei einer Veranstaltung ist – und das auch für den Podcast gilt: „Ich möchte mit einem Gedanken mehr oder anders rausgehen als ich reingegangen bin.“
Derzeit ist „Essenziell“ noch klein: einige hundert Hörer hat Riegler pro Folge, aber er wächst. Ein bisschen ist der Podcast eine Visitenkarte für Rieglers andere Unternehmensbereiche – organisatorische und strategische Beratung, auch, aber längst nicht nur im kulinarischen Bereich. „Manchmal fragen mich die Leute: ‚Ist der Podcast dein Hobby?‘ Dann denk ich mir: Soll ich jetzt gekränkt sein? Viele können sich offenbar gar nicht vorstellen, dass man ein Projekt aufstellt, für das man nicht bezahlt wird.“
Denn Geld bringt der Podcast (noch) nicht, auch wenn es erste Ideen gibt, etwa für Kooperationsfolgen. „Da ist aber klar“, sagt Riegler: „Man kann sich meine Meinung nicht kaufen.“
Auf einen Blick
Hot Box on Air. Von Freitag auf Samstag wird das Hot Box Building – ein Holzpavillon aus der Kulturhauptstadt Bad Ischl – am Gelände des Funkhauses Wien bespielt. Vor Ort wird ein Radio- bzw. Fernsehprogramm gestaltet, dazu kommen Kulinarik, Workshops und Talks. Am Freitag um 16 Uhr spricht Ursula Riegler mit René Kachlir („Zum scharfen René“) und Mike Lanner („Wiener Würstelstand“), später nachzuhören auf Rieglers Podcast Essenziell.