Washington/New York. Samstagabend, Washington, Hilton Hotel. Zum ersten Mal beehrt Donald Trump die Journalisten des Weißen Hauses beim jährlichen Galadinner in der US-Hauptstadt mit seiner Anwesenheit. Wegen seines gespaltenen Verhältnisses mit der Presse hat der Präsident, ganz im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die Teilnahme an der Veranstaltung davor stets abgesagt. Nun sitzt Trump auf der Bühne neben der CBS-Korrespondentin Weijia Jiang. Die Stimmung wirkt entspannt. Traditionell sollte das Dinner der Korrespondenten ein humorvoller Abend werden, an dem sich der Präsident und die Journalisten gegenseitig aufziehen, als plötzlich mehrere Schüsse zu hören sind. „Shots fired“ ruft ein Mitarbeiter des Secret Service, als Beamte in Kampfuniform die Bühne stürmen und Trump sowie seinen Vizepräsidenten J.D. Vance innerhalb von Sekunden in Sicherheit bringen.
Unter den rund 2600 prominenten Gästen, sie nehmen gerade die Salatvorspeise zu sich, bricht Panik aus. Viele verstecken sich unter den Tischen, Teller und halbvolle Weingläser fallen zu Boden, manche versuchen verzweifelt, den riesigen Ballsaal zu verlassen. Schnell wird klar: Zum dritten Mal in zwei Jahren hat es ein vermeintlicher Attentäter, schwer bewaffnet, geschafft, dem US-Präsidenten überraschend nahe zu kommen. „Mein Job ist sehr gefährlich“, wird Trump wenig später bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz sagen.
Das Hilton Hotel Washington war 1981 auch Schauplatz des Attentats auf Ronald Reagan. Der damalige US-Präsident wurde vor dem Eingang niedergeschossen und überlebte schwer verletzt. Imago / Courtesy Everett Collection Via Www.imago-images.de
Wohlgemerkt: Im Gegensatz zu dem Attentat während einer Wahlkampfveranstaltung 2024 in Pennsylvania, als der 20-jährige Thomas Crooks Trump am Ohr getroffen hatte, sowie wenig später in Florida, als ein Bewaffneter Trump beim Golfspielen aufgelauert war, war das Leben des Präsidenten dieses Mal nicht ernsthaft in Gefahr. Der Attentäter wurde vor dem Eingang zum Ballsaal gestoppt. Auf Videos der Überwachungskameras ist zu sehen, dass er zahlreiche schwer bewaffnete Sicherheitsbeamte überwältigen müssen hätte, um es in den Raum zu schaffen.
Trotzdem wurde Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen laut. Zwar gab es Kontrollen, um in das historische Washington Hilton Hotel, in dem das Galadinner stattfand, eingelassen zu werden. Dazu mussten die Anwesenden jedoch lediglich ihr Ticket vorweisen. Der Verdächtige, ein 31-jähriger Lehrer und Entwickler von Computerspielen aus Kalifornien, soll in dem Hotel übernachtet und deshalb kein Problem beim Zutritt gehabt haben.
Einzig vor dem Ballsaal mit Trump waren Metalldetektoren aufgestellt, an denen der mit einer Schrotflinte, einer Pistole und mehreren Messern bewaffnete Attentäter vorbeilaufen wollte. Dabei schoss er einem Mitarbeiter des Secret Service in die Brust, ehe er überwältigt wurde. Der Beamte trug eine Schutzweste und kam mit leichten Verletzungen davon. Über das Motiv konnte bloß spekuliert werden. Beamte des FBI durchsuchten am Sonntag das Haus des Schützen in Torrance, einem Vorort von Los Angeles, nach möglichen Hinweisen.
Klar war laut Justizminister Todd Blanche, der das Amt nach dem Rücktritt von Pam Bondi interimistisch übernommen hat, dass es der Verdächtige auf Trump und sein Kabinett abgesehen hatte. „Sein Ziel waren Mitarbeiter der Regierung, inklusive des Präsidenten“, sagte Blanche in einem Interview mit NBC News. Neben Trump und Vance nahmen unter anderem Außenminister Marco Rubio, Gesundheitsminister Robert Kennedy und FBI-Direktor Kash Patel an dem Dinner teil. In chaotischen Szenen nach den Schüssen suchten sie teils unter ihren Tischen Schutz, ehe sie vom Secret Service aus dem Ballsaal eskortiert wurden.
In seiner Pressekonferenz sagte Trump, dass er darauf bestanden habe, dass die Veranstaltung nach dem Vorfall wie geplant über die Bühne gehe. Nicht zuletzt deshalb betrat auch CBS-Korrespondentin Weijia Jiang wenige Minuten nach den Schüssen die Bühne und verkündete, dass das Programm in Kürze weiterginge. Am Ende setzte sich jedoch der Secret Service durch. Das Sicherheitsrisiko sei zu hoch, entschieden die Beamten, und das Galadinner wurde beendet. Trump sagte, dass das Event innerhalb von 30 Tagen nachgeholt werden soll — nach diesem Anschlagsversuch gegen ihn ist es Trump scheinbar ein Anliegen, der politischen Gewalt nicht die Bühne zu überlassen.
Bereits vor den Schüssen konnte die Anwesenheit Trumps bei dem Treffen der Hauptstadt-Korrespondenten als Versuch bewertet werden, die politischen Differenzen in einem tief gespaltenen Land ein wenig in den Hintergrund rücken zu lassen. CBS und Weijia Jiang gelten als linksliberal und griffen Trump in der Vergangenheit heftig an. Trotzdem scherzten Jiang und der Präsident vor den Schüssen miteinander, was Beobachter als Zeichen einer kleinen Entspannung des Verhältnisses zwischen Trump und der Presse deuteten.
Trump selbst sah in seiner Pressekonferenz zunächst davon ab, den Demokraten die Schuld an dem Attentatsversuch zu geben. Nach den Anschlagsversuchen 2024 war der Präsident noch hart mit der politischen Opposition ins Gericht gegangen, die im Gegenzug freilich die aggressive Rhetorik des Präsidenten hervorgehoben hatte.
Nun schlug die Politik andere Töne an: „Angesichts der Ereignisse dieses Abends rufe ich alle Amerikaner dazu auf, sich von Herzen dafür einzusetzen, unsere Differenzen friedlich beizulegen“, sagte Trump ungewohnt überparteilich. Und Hakeem Jeffries, der Chef der Demokraten im Abgeordnetenhaus, merkte an: „Die Gewalt und das Chaos in Amerika muss aufhören.“ Es bleibt abzuwarten, ob der freundschaftliche Ton bis zu den Kongresswahlen im Herbst anhält.
Secret Service-Mitarbeiter schirmten US-Präsidenten Donald Trump ab, nachdem beim Galadinner der Korrespondenten des Weißen Hauses Schüsse gefallen waren. Alex Brandon