Markus Schleinzers raffinierter Historienfilm „Rose“ brachte Sandra Hüller einen Berlinale-Preis für ihre „Hosenrolle“ ein. Der Wiener Regisseur über das Gewicht altertümelnder Sprache und Röcke als Unterdrückungsinstrument.
Während des Dreißigjährigen Krieges erscheint ein unbekannter Soldat in einem protestantischen Dorf und erhebt Erbschaftsanspruch auf einen verwahrlosten Hof. Er findet sich in der Gemeinschaft ein, heiratet eine junge Dorfbewohnerin, gründet sich eine achtbare Existenz. Niemand stört sich daran, dass der Mann in Wahrheit eine Frau ist – solange es sein Geheimnis bleibt.
„Rose“, ein Historienstück des Wiener Autorenfilmers Markus Schleinzer, lotet auf raffinierte Weise den Zusammenhang zwischen Geschlechtsidentität und (Un-)Freiheit aus – und sorgte heuer bei der Berlinale international für Aufsehen. Die „Presse“ traf den Regisseur in Schönbrunn zum Gespräch.
„Rose“ handelt von einer Frau, die sich im 17. Jahrhundert als Mann ausgibt, um mehr vom Leben zu haben. Ein vielbeachtetes Beispiel solcher „Verstellung“ ist der Fall der Catharina Margaretha Linck, die sich einst auf den Namen Anastasius Lagrantinus Rosenstengel taufen ließ. Spielt der Titel Ihres Films darauf an?
Nein, das ist ein Missverständnis. Rose ist in meinem Film kein Pseudonym, sondern der Vorname, den die Hauptfigur tatsächlich trägt – auch wenn sie ihn nie preisgibt. Catharina Linck war für mich nur ein Einstieg in das Thema. Eine Freundin hat mich darauf hingewiesen, dass es da eine Person gab, die exakt 250 Jahre vor meiner Geburt hingerichtet wurde, weil sie in Männerhosen Frauen gefreit hat. Ihrem männlichen Avatar gab sie den Namen Rosenstengel: Die Dame war offensichtlich humorbegabt. Ob sie lesbisch begehrend war oder trans, können wir nicht mit Bestimmtheit sagen, es gibt ja in den Gerichtsakten keine direkte Rede von ihr. Was sie aussagte, wurde von anderen zusammengefasst, und die heute geläufigen Begrifflichkeiten gab es damals noch nicht. Jedenfalls hat mich diese Geschichte berührt und angestoßen, zu ähnlichen Fällen zu recherchieren.
Was davon ist in „Rose“ eingeflossen? In bestimmten Kulturkreisen gibt es ja bis heute Frauen, die ganz offiziell maskuline Rollen annehmen, um die männliche Erbfolge zu sichern.
Wir haben uns an die 300 Schicksale unterschiedlichster Menschen angesehen. Das Thema hat nichts an Aktualität verloren, auch an manchen Orten Europas gibt es noch diese rituelle „Geschlechtsanpassung“, wenn Familien keinen männlichen Erben produziert haben. Die Gründe, warum Frauen in die Hose gestiegen sind oder in die Hose gesteckt werden, sind sehr unterschiedlich, das Ziel bleibt aber immer das Gleiche: Es geht darum, Freiheiten zu erlangen, die für Männer selbstverständlich sind. Letztlich haben wir das ganze Material aber beiseitegeschoben und uns rein an der menschlichen Psychologie orientiert: Wie verhält man sich in so einer Situation? Gegen welche Dinge muss jemand, der so ein Geheimnis trägt, ankämpfen?
Die Recherchebasis scheint trotzdem durch, in der bewusst altertümelnden Sprache der Filmdialoge und der Erzählstimme.
Mir war wichtig zu fragen: Wie haben die Menschen damals geklungen? Es gibt aus dieser Zeit keine Tonträger, nur schriftliche Dokumente. Klar ist, dass die Satzstellungen anders waren und bestimmte Begriffe eine andere Bedeutung hatten. Das Wort „umständlich“ etwa wird heute negativ gewertet, vor 300 Jahren hieß es einfach „ausführlich“ – alle Umstände bedenkend. Ich glaube auch, dass im 17. Jahrhundert nicht so viel gequatscht wurde wie heute, weil man noch mehr Angst vor dem Sprechen hatte. Sie konnte einen festmachen, über das eigene Leben und Sterben bestimmen, so wie das heute vielleicht noch in autoritären Regimen der Fall ist.
Die Titelrolle Ihres Films wirkt, als wäre sie Sandra Hüller auf den Leib geschrieben. Wie haben Sie die deutsche Starschauspielerin für „Rose“ gewonnen?
Ich glaube, sie hat sich selbst überzeugt. Als Schauspieler kannten wir uns schon vor dem Film, eine Freundschaft war etabliert. Auch, dass wir Respekt voreinander haben. Die Sprache des Drehbuchs hat Sandra sehr eingenommen, sie meinte, es lese sich wie ein Gedicht. Und sie wollte wissen, ob sie das für sich umsetzen kann.
Sie selbst haben das Drehbuch, das Sie gemeinsam mit Alexander Brom verfasst haben, als „Roman“ bezeichnet…
Es beginnt mit der frühesten Kindheit von Rose. Um die Figur für uns greifbar zu machen, haben wir uns den Luxus geleistet, ihren gesamten Weg zu beschreiben.
Rose trägt in Ihrem Film ein Wams und andere typische Männerkleidung der Neuzeit: Ein im Grunde simpler Kostümwechsel, der ihr ganzes Rollenbild transformiert.
Mir war lang nicht bewusst, dass das Kleid und der Rock von Anfang an Kleidungsstücke waren, die ihre Trägerinnen begrenzt haben. Wenn man bedenkt, dass Vierbeiner über Jahrhunderte als Hauptfortbewegungsmittel dienten, wird klar, dass hier eine ganze Personengruppe ihrer Mobilität beraubt worden ist. Der Damensattel war dem höchsten Adel vorbehalten, die meisten Frauen konnten bestenfalls darauf hoffen, dass sie auf irgendeinen Karren steigen durften, der dann von irgendwem gezogen wurde. Sie konnten nicht sagen: Ich habe die Milch vergessen, ich reite schnell nochmal runter zum Billa.
Suzanna (Caro Braun, r.) und Rose (Sandra Hüller) eint in „Rose“ von Markus Schleinzer eine Schicksalsgemeinschaft. Filmladen
Ihr Film ist mit Bedacht besetzt, auch Kleinstrollen haben eine markante Ausstrahlung. Sie haben in der Filmbranche als Caster begonnen. Wie sehr beteiligen Sie sich am Besetzungsprozess Ihrer eigenen Filme?
Bei der Rollenbesetzung geht es nicht darum, ein Drehbuch zu lesen und mit dem Stift dazuzuschreiben, wer wen spielen soll. Casting ist ein dramaturgischer Beruf, eine Suche. Man muss verstehen, was aus einer Geschichte wird, wenn jemand eine bestimmte Figur verkörpert, muss Darstellerinnen und Darstellern das Wesen ihrer Aufgabe vermitteln und ausloten, ob sie ihnen überhaupt zumutbar ist. Wird es zu Nervosität kommen, ist die Rolle für sie ein Leid oder eine Freude? Das ist ein sehr verantwortungsvoller Job. Ich würde das Casting-Szepter bei meinen Filmen zwar nie aus der Hand legen, aber es wäre total unlogisch und auch unmöglich, das ganz alleine zu machen. Außerdem bin ich ein Mensch, der nicht gern allein arbeitet: Ich schätze es, ein Gegenüber zu haben, mit dem ich diskutieren und Ideen teilen kann.
Wie viele Ihrer KollegInnen aus der Branche fordern auch Sie die Einführung einer Investitionsverpflichtung für Streaminganbieter, die dem österreichischen Film zugutekommen soll. Kulturminister Babler hat in Aussicht gestellt, dies umzusetzen. Was ist der Stand der Dinge?
Die Verantwortlichen haben mit den Verhandlungen begonnen, meines Wissens liegt der Ball derzeit beim Wirtschaftsministerium. In etlichen anderen europäischen Ländern sind solche Abgabenmodelle längst Realität, die Steuerzahler werden dadurch nicht belastet. Bei uns hat man es hingegen lange verschlafen, die Streaming-Anbieter, die hier große Umsätze machen, zur Kasse zu bitten. Warum soll sich der österreichische Film dieses Geld entgehen lassen? Dass er international nicht nur am Kindertisch mitmischt, zeigt ja gerade wieder das neue Cannes-Programm, mit Beiträgen von Marie Kreutzer, Sandra Wollner und der deutschen Regisseurin Valeska Grisebach, die an der Wiener Filmakademie ausgebildet wurde. Im Übrigen haben sich Netflix und Amazon Prime bereits selbstständig an Ministerien gewandt und gesagt: Wenn ein Vorschlag kommt, werden wir uns dem nicht entgegensetzen. Alles, was es für die Umsetzung einer Investitionsverpflichtung braucht, ist eine Politik, die geeint handelt und sich nicht in Querelen verstrickt.