Kriege, gesperrte Lufträume, teures Kerosin und ein härterer Wettbewerb um Flugzeuge und Investitionen: Beim 24. Luftfahrtsymposium der Aviation Industry Austria diskutierten Politik, Airlines, Flughafen Wien, Flugsicherung, Hersteller und Zulieferer, welche Strategie man am Standort Österreich braucht, wenn Krisen zum Normalfall werden.
Beim Luftfahrtsymposium der Aviation Industry Austria wurde darüber debattiert, wie Österreich seine internationale Anbindung und technologische Stärke sichern kann.
30.09.2026 um 00:01
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Krisen sind für die Luftfahrt längst kein Ausnahmezustand mehr. Der Krieg in der Ukraine, die Spannungen im Nahen Osten, unterbrochene Versorgungswege und gesperrte Lufträume verändern Routen, verteuern Treibstoff und setzen Lieferketten unter Druck. Gleichzeitig wächst der Luftverkehr global, während Europas Standorte mit hohen Kosten und Regulierung kämpfen. Genau in diesem Spannungsfeld wird Österreichs Luftfahrtstrategie 2040+ neu ausgerichtet. Das Programm des Symposiums formuliert die Zuspitzung selbst: Krisen würden zum Normalzustand, Krisenmanagement zum Standardfall.
Bundesminister Peter Hanke (BMIMI) setzte den politischen Rahmen. „Wir sehen die Luftfahrt als wichtigen Sektor für Konnektivität und Wettbewerb“, sagte Hanke. Besonders der heimischen Zulieferindustrie attestierte er eine hohe Bedeutung – Österreich liege hier im europäischen Spitzenfeld. Die geopolitischen Krisen hätten negative Auswirkungen und seien daher ein klarer Auftrag, den Standort strategisch widerstandsfähiger aufzustellen. Hier setzt auch die Luftfahrtstrategie 2040+ an, die von der Bundesregierung in den nächsten Wochen definiert und gemeinsam mit der Branche entwickelt wird.
Wie dringend das ist, zeigte die erste Paneldiskussion „Welche luftfahrtpolitische Strategie braucht der Standort?“. Julian Jäger, Vorstand der Flughafen Wien AG, warnte vor einem dauerhaften Wettbewerbsnachteil. Während der Luftverkehr international wächst, verliert Wien Passagiere und Kapazitäten. Gleichzeitig verfügt Österreich über leistungsfähige Regionalflughäfen, eine ausgezeichnete Luftraumsicherung und eine starke Zulieferindustrie. Die zugesagten 30 Millionen Euro pro Jahr im Budget für 2027 und 2028 seien ein positives Signal, reichten aber nicht aus. Ein zentraler Hebel zur Entlastung sei die Abschaffung der Flugabgabe. „Das ist der wichtigste Hebel, um eine Trendwende hin zu Wachstum einzuleiten“, so Jäger.
Sofia Zoe Cantele, Board Advisor bei Austrian Airlines, verdeutlichte den Wettbewerbsdruck zwischen den europäischen Hubs und zeigte auf, wie genau Airlines prüfen, an welchen Standorten sich Investitionen lohnen. Kostensteigerungen in Österreich und Europa erhöhen den Druck zusätzlich. Gleichzeitig bringen ein „gut funktionierender Hub, gute Anbindung und Konnektivität“ Passagiere und damit Wertschöpfung. Dafür brauche es bessere Rahmenbedingungen – Stichwort Flugabgabe.
Alexander Vagacs, Chairman von Avconjet, brachte die Perspektive der Business Aviation ein: Sie brauche verlässliche, praxistaugliche Regeln. Karin Puleo-Leodolter, Generaldirektorin der Obersten Zivilluftfahrtbehörde, stellte Sicherheit, Resilienz und Innovation ins Zentrum. Austro-Control-Geschäftsführerin Elisabeth Landrichter ergänzte: Für neue Herausforderungen brauche es rasche Regulierungen, insbesondere für geopolitische Entwicklungen, Cyberrisiken und künstliche Intelligenz. AIA-Geschäftsführer Peter Malanik und IV-Vizegeneralsekretär Peter Koren hatten die Grundfrage zuvor noch breiter gefasst: In einer Welt permanenter Krisen werde Resilienz selbst zum Standortfaktor – für Verkehr, Industrie und Versorgungssicherheit.
Beim Luftfahrtsymposium der Aviation Industry Austria wurde darüber debattiert, wie Österreich seine internationale Anbindung und technologische Stärke sichern kann.
(Bild oben, v.l.n.r.) Flughafen-Wien-Vorstand Julian Jäger, FACC-CEO Robert Machtlinger, Bundesminister Peter Hanke (BMIMI) und AIA-Geschäftsführer Peter Malanik. AIA
Wie schnell aus Standortpolitik Sicherheitspolitik wird, zeigte Generalmajor Gerfried Promberger. Unter dem Titel „Der zivile Luftverkehr in einer zunehmend unzivilisierten Welt“ verwies der Airchief des Bundesheeres auf Drohnen und militärische Konflikte und deren Auswirkungen auf die zivile Luftfahrt. Promberger mahnte, den Ernst der Lage stärker ins Bewusstsein zu rücken. Sicherheit entstehe im Zusammenspiel von geschützter Infrastruktur, Übungen für den Ernstfall und enger zivil-militärischer Kooperation.
Damit bekam auch das anschließende Industriepanel eine neue Dimension. Severin Gruber vom Wirtschaftsministerium, FACC-Chef Robert Machtlinger, Schiebel-Chef Hannes Hecher, Franz Posch, Managing Director DACH von Airbus, András Gálffy, CEO von Turbulence Solutions, und Margit Mischkulnig, Abteilungsleiterin im BMIMI, diskutierten über industrielle Kooperation, technologische Souveränität und Forschung. Die Ausgangslage ist zweigeteilt: Hohe Kosten belasten, Österreichs technologische Nischenstärke hilft. So vergibt Airbus jährlich Aufträge im Volumen von rund einer Milliarde Euro an die heimische Zulieferindustrie. Österreich ist damit ein wichtiger Bestandteil der Airbus-Lieferkette. Der Erfolg von FACC beruht auf Innovationen und leistbarem Leichtbau, das habe FACC zu einem der größten Zulieferer der Luftfahrt gemacht. Machtlinger verwies auf die Notwendigkeit, Innovation nicht nur zu entwickeln, sondern auch industriell am Standort umsetzen zu können. Für Schiebel seien vor allem internationale Unternehmenskooperationen zentrale Wettbewerbsfaktoren. Posch hob das Wachstumspotenzial der Branche hervor.
Nach der Pause wurde deutlich, was Geopolitik im täglichen Flugbetrieb bedeutet. Paul Bosman von EUROCONTROL, Austro-Control-Geschäftsführerin Elisabeth Landrichter, Helmut Haubenwallner, Vice President Flight Operations von Austrian Airlines, und Thomas Haagensen, Group Markets Director von easyJet, diskutierten die Folgen gesperrter Lufträume. Umwege in Richtung Asien und Nahost kosten Zeit und Kerosin, binden Flugzeuge und Crews und verschärfen Engpässe in den verbleibenden Flugkorridoren. Europas technische Infrastruktur zur Steuerung und Überwachung des Flugverkehrs müsse daher schneller modernisiert und stärker vernetzt werden, betonte Bosman.
Für Airlines ist die Rechnung direkt: Zusätzliche Kosten entscheiden mit, welche Strecken wirtschaftlich betrieben werden können. Haagensen verwies auf den Wettbewerb der Standorte um mobile Kapazitäten. Der easyJet-Manager verantwortet die europäischen Märkte und kennt den österreichischen Standort auch aus dem Aufbau des heimischen easyJet-AOC. Für Wien trifft die geopolitische Entwicklung einen empfindlichen Punkt: Gerade Verbindungen Richtung Nahost und Asien, für welche die geografische Lage traditionell ein Vorteil ist, werden von Luftraumsperren und Umwegen besonders getroffen.
IATA-Europachef Rafael Schvartzman beschrieb Europas Dilemma: geopolitische Einschränkungen, hohe Infrastrukturkosten und Steuern treffen auf die milliardenschwere Dekarbonisierung der Branche. Er warnte davor, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz gegeneinander auszuspielen. Für nachhaltige Treibstoffe brauche es mehr Angebot, Investitionen und einen funktionierenden Markt. Steuern, Infrastrukturkosten, Luftraumprobleme und die Ausgestaltung des europäischen Klimaregimes zählen zu den aktuellen IATA-Schwerpunkten in Europa.
Wie unterschiedlich nationale Antworten aussehen, zeigten Laurent Timsit aus Frankreich und Joachim Lang aus Deutschland. Timsit verwies auf die hohe Kosten- und Steuerbelastung französischer Airlines – ein Luftfahrt-Boom in Frankreich bleibe aus. Lang begrüßte Deutschlands neue Luftfahrtstrategie, forderte aber konkrete Entlastungen bei Kosten und Bürokratie auf nationaler sowie auf EU-Ebene.
Dass Konnektivität nicht nur eine Frage großer Hubs ist, zeigte Marie-Louise Phillipp von Embraer. Regionalflugzeuge könnten dünnere Strecken wirtschaftlich bedienen und Regionen an internationale Netze anbinden – Embraer selbst sieht regionale Konnektivität und passend dimensionierte Flugzeuge als eines der zentralen Themen der kommenden zwei Jahrzehnte. Axel Römmer von OMV rückte schließlich einen Faktor ins Zentrum, der sich durch den ganzen Tag gezogen hatte: Kerosin. Versorgungssicherheit und diversifizierte Wertschöpfungsketten sind durch geopolitische Konflikte wieder zu strategischen Fragen geworden.
Zum Abschluss stellten Julian Jäger und AIA-Geschäftsführer Peter Malanik zehn Impulse für die österreichische Luftfahrtstrategie vor. Sie greifen die unterschiedlichen Perspektiven des Tages auf und übersetzen sie in konkrete Ansatzpunkte für die kommenden Jahre – vom Luftverkehr über Industrie und Forschung bis zu Sicherheit und Versorgung. Damit machte die AIA deutlich: Die Herausforderungen sind groß, aber ebenso groß sind Wissen, Erfahrung und Gestaltungskraft innerhalb der Branche. Das Symposium endete deshalb nicht mit einer Bestandsaufnahme, sondern mit einem klaren Blick nach vorne.
Zum Ende des Symposiums wurde auch die Präsidentschaft der Aviation Industry Austria neu geordnet: Julian Jäger übergab die Funktion des Präsidenten an FACC-CEO Robert Machtlinger und wird künftig als Vizepräsident weiter im Gremium bleiben. Beide stehen damit weiterhin gemeinsam an der Spitze des Dachverbands.
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