von
Christiane Reitshammer
Wer genau schaut, sehr genau, sieht vielleicht einen Moorfrosch oder eine Kleine Binsenjungfer. Oder den Sumpfporst, den fleischfressenden Sonnentau oder den – ebenfalls fleischfressenden – Wasserschlauch. Diese Arten sind selten im Schremser Hochmoor, aber mit etwas Glück zu sichten. Dafür muss man aber nahe heran, etwa beim Prügelsteg, der auf Holzpfosten über die offene Moorfläche führt.
In 20 m Höhe auf der Plattform Himmelsleiter, einer beeindruckenden Holzkonstruktion aus Fichtenstämmen und Stahl, die nach kurzem Fußweg vom Naturparkzentrum Unterwasserreich über 108 Stufen zu erreichen ist, schweift der Blick über die gesamten Ausmaße des Hochmoors beziehungsweise über einen Ausschnitt des mit rund 300 Hektar größten Moors Niederösterreichs. Seit dem frühen 19. Jahrhundert bis in die 1980er wurde hier im nördlichen Waldviertel Torf abgebaut und damit auch ein wichtiges Ökosystem zerstört. Die Reste des einstigen Moorgebiets stehen seit 2000 unter Schutz und werden renaturiert. Schließlich gelten Moore als Wasser- und CO₂-Speicher, helfen beim Schutz vor Hochwasser und Dürren und sind Rückzugsorte für seltene und gefährdete Arten.
Kiefern, Birken, Teiche und Sümpfe, Gräser, Sumpfschwertlilien, Teichrosen, Wollgras, Moose und Flechten, Libellen und Schmetterlinge – intensive, fast mystische Natur bietet sich entlang des Wanderwegs, auf dem man viel über dieses Ökosystem erfährt. „Das schaut eklig aus!“, sagt ein kleiner Bub zu seiner Mutter beim „Moor-Tretbecken“. Weder Mutter noch Sohn wollen in den schwarzen „Gatsch“ steigen. Dabei soll eine Tretkur besonders gut für Haut und Durchblutung sein. Ansonsten ist auf der Runde durch das Gelände wenig zu hören, meist nur das Zwitschern, Zirpen und Gurren der tierischen Waldbewohner.
Edelførst. Baumhäuser im nordischen Design warten im Naturpark Schrems auf – erwachsene – Gäste. Robert Tober
Lauter geht es im Naturparkzentrum neben dem Naturbadeteich und Moorbad Schrems zu. Besucher erfahren anhand von Erlebnisausstellungen, Vorträgen und Mikroskopiermöglichkeiten alles über die „Welt der Waldviertler Teiche und Moore“. Im Freien führen Stege durch einen naturnah gestalteten Wassergarten mit verschiedenen Lebensräumen. Ausgelassen wird es bei der Fischotter-Schaufütterung, die drei Mal täglich stattfindet. Die Bewohner der Otter-Anlage haben viel und oft Hunger, erfahren die Zuschauer. Der Andrang von Klein und Groß ist groß, wenn sich die beiden oberösterreichischen Findelkinder Otto und Lotti die zugeworfenen Fische schnappen, sich auch einmal darum streiten und sie dann genüsslich verspeisen.
„Ein Otter frisst etwa ein Zehntel seines Eigengewichts pro Tag. Das braucht er zum Überleben. Das klingt nicht nach viel, aber das ist rund ein Kilo Fleisch und Fisch täglich“, erklärt die Naturvermittlerin. Auch Eier, Wasservögel, Muscheln, Krebstiere oder Kleinsäuger stehen auf dem Speiseplan. „Der Otter hat eine sehr schnelle Verdauung und ist sehr aktiv – deshalb fressen sie wie die Scheunendrescher.“ Zu erfahren ist auch viel über Lebensweise, Körper und Verhalten der Tiere, die sich vor allem im Wasser sichtlich wohlfühlen; ihr Lebensmotto lautet „Essen, spielen und schlafen“.
Die beschauliche Waldviertler Landschaft mit Feldern, Wäldern und Dörfern animiert zum Radfahren. In der Nähe der Stadt Gmünd lockt zudem ein Abstecher ins Nachbarland, denn die Grenze zu Tschechien ist ganz nah: Ein kurzer Schlenker nach České Velenice, einige Hundert Meter durch den Ort, und schon führt die Strecke wieder zurück nach Österreich. Schautafeln zum Thema „Iron Curtain“ geben Einblick in die Geschichte. Sehenswert ist auch die Stadt Gmünd selbst mit ihrem historischen Stadtkern, den Sgraffitohäusern, dem Alten Rathaus und dem Schlosspark. Ziel der Fahrt ist jedoch die Blockheide mit ihren Wäldern, Heideflächen, Feuchtwiesen, seltenen Pflanzen, Teichen, Bächen und bizarren Granitformationen.
Handwerk und Manufaktur im Waldviertel: Yupitaze erzeugt Fischleder. Matthias Streibel
Bergauf geht es Richtung Malerwinkel, dann beginnt das Naturschutzgebiet mit den ersten Granitfelsen. Verschiedene Routen sind ausgeschildert. „Nehmen wir den Marienkäferweg, das klingt süß“, sagt einer der Radfahrer. Die Route ist sechs Kilometer lang und gibt einen schönen Überblick über einige Felsen und Wackelsteine, bei denen, wie die Namen und Sagen verraten, meist Hexen, Riesen oder der Teufel selbst die Finger im Spiel haben – wie sonst sollte man die Formen erklären. Außer vielleicht damit, dass die sogenannte Wollsackverwitterung über Jahrmillionen Jahre dafür gesorgt hat, aber wer weiß das schon so genau. Ob Teufelsbrotleib, Teufelsbett, Christophorus-, Pilz- oder Koboldstein, jede Felsformation für sich ein faszinierender Anblick, insbesondere die Wackelsteine, die so leicht und elegant übereinander balancieren und sich trotzdem keinen Millimeter bewegen lassen würden.
Im Sommer laden hier reife Heidel- und Himbeeren dazu ein, direkt vom Strauch genascht zu werden. Infotafeln erzählen über seltene Pflanzen und Tiere. Von der Spitze des 30 Meter hohen Aussichtsturms, der auf einem 1908 errichteten ehemaligen Wasserreservoir steht, eröffnet sich ein weiter Blick über die Landschaft – bis nach Gmünd und nach Tschechien. Am Boden informiert ein Ausstellungsraum über die geologische Entwicklung der Blockheide.
Etwa 1400 Teiche hat das Waldviertel. Diese sind nicht nur bei Fischen und Fischern beliebt und Lebensraum vielfältiger Tier- und Pflanzenarten, sondern man kann darin auch baden und Boot fahren. Die einen sind klein und versteckt, andere etwas größer, wie etwa die Stauseen Ottenstein, Dobra und Thurnberg. Der Herrensee Litschau übrigens dient als Kulisse des jährlichen Musikfestivals „Schrammelklang“ und Theaterfestivals „Hin & Weg“. In der Nähe befindet sich auch das eher unbekannte Dorf Eisgarn, Drehort der erfolgreichen TV-Serie „Braunschlag“.
Eine Besonderheit ist die Fischlederproduktion von Yupiatze. Karpfenzüchter Rudolf Schuh stellt in seinem kleinen Betrieb in Reitzenschlag seit etwa 20 Jahren feinstes, strapazierfähiges und ausgesprochen schönes Leder aus den Häuten von Karpfen und anderen Fischen her. „Im Herbst, von Anfang Oktober bis Anfang November, wird abgefischt; Karpfen, Zander, Hecht und Brachsen werden je nach Größe entnommen“, erzählt der Unternehmer. Der Rest darf noch auf eine weitere Saison hoffen.
Prügelsteg. Über ihn geht es trockenen Fußes mitten in das Schremser Hochmoor. Waldviertel Tourismus/weinfranz
Auch Krebse gibt es und jede Menge Muscheln. „Ein Karpfen kann mehrere Jahrzehnte alt werden“, gibt Schuh Auskunft. Die Fische werden vor Ort vollständig verarbeitet. In der verhältnismäßig kleinen Arbeitsstätte werden sie ausgenommen und gehäutet und zu passenden Portionen für die Gastronomie verarbeitet. Die Haut von Karpfen, zugeliefertem Saibling und Lachs wird getrocknet, händisch weich gemacht, gebügelt – und als Unikat zu modischen Extras oder Gebrauchsgegenständen verarbeitet.
Im mittleren Kamptal findet sich eine der wenigen Flusslandschaften mit urwaldähnlichen Hangwäldern. Ein besonders schöner Ausblick bietet sich von der Ruine Schauenstein, einer ehemaligen Burg aus dem 11. Jahrhundert.
„Für mich ist das einer der erhebendsten Ausblicke im Waldviertel“, sagt Fotograf und Naturschützer Matthias Schickhofer. Er erklärt den sogenannten Brokkolifaktor: „Wenn kugelige, brokkoliartige Baumkronen hervorstechen, sieht man einen perfekten Mischwald.“ In jungen Wäldern sei alles gleich alt und wirke homogen. Hier jedoch zeigt sich Vielfalt: silbrig schimmernde Eschen, gelbliche Linden, grüne Eichen sowie Buchen, Hainbuchen, Ahorn, Bergahorn, Rotföhren, Erlen, Weiden. Der Grund: Einige der steilen, unzugänglichen Hänge wurden nie vollständig abgeholzt. „So könnte der ursprüngliche Wald im Waldviertel ausgesehen haben“, sagt Schickhofer. Artenvielfalt ist entscheidend, damit sich Schädlinge weniger ausbreiten. Kaputte Wälder werden gerodet, der Boden trocknet aus, es droht Versteppung. „Ohne Wald kein Wasser. Ohne Wasser keine Landwirtschaft – und kein menschliches Leben“, warnt er.
Zugleich ist der Wald ein wichtiger Rückzugsort und angenehmer Schattenspender für Wanderer. Entlang des Schauensteinwegs erfahren Interessierte unter fachkundiger Führung, warum diese Landschaft nicht nur schön, sondern auch besonders schützenswert ist. Direkt am Kamp umspült das bräunliche Wasser Steine und moosbewachsene Granitfelsen – ideale Rastplätze in der Wildnis. „Irre schön und total heilsam“, so Schickhofer.