Im Gespräch. Günstige E-Autos, eine gute Ladeinfrastruktur, langlebige und recycelbare Batterien und das Aufräumen mit Mythen waren Themen im Experten-Talk in der „Science Lounge“ von „Die Presse“.
04.06.2026 um 00:01
Katharina Seper, Philipp Wieser und Gerhard Meister diskutierten über die Zukunft der E-Mobilität. Rudolph Roland
Es bewegt sich viel in Sachen Mobilitätswende: Zwischen Jänner und April wurden rund 104.700 Pkw mit E-Antrieb in Österreich neu angemeldet, dennoch bleiben viele Menschen nach wie vor beim Verbrenner. Was Autokäufer und Unternehmen am Umstieg hindert, wo Verbesserungsbedarf besteht und was die technologischen Herausforderungen sind, wurde in der „Science Lounge“ von „Die Presse“ diskutiert. Alice Senarclens De Grancy, „Die Presse“, konnte die Experten Katharina Seper, zuständig für Mobility Transformation & Electric Mobility im Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur, Philipp Wieser, Teamleiter Electrifying Mobility bei AustriaTech, und Gerhard Meister, Vice President im Bereich Business Field Electrification bei der AVL List GmbH, zum Talk begrüßen.
Elektrofahrzeuge sind nicht nur für die Energiewende unbedingt nötig, sondern für die gesamte Dekarbonisierung, stellte Katharina Seper zu Beginn fest: „Das Ziel ist es, den Verkehrssektor zu dekarbonisieren und die Mobilitätswende ist ein zentraler Teil davon.“ Besonders eifrig bei der Neuzulassung von E-Pkw ist Oberösterreich, das als erstes Bundesland die 35-Prozent-Marke erreicht hat. Dennoch ist der Anteil von Verbrennern mit rund zwei Dritteln der Neuanmeldungen hoch. Mit dem Umstand, dass sich die Elektromobilität nur langsam durchsetzt, beschäftigt sich Philipp Wieser. Er möchte Erfolge nicht zu sehr feiern, denn es könne der Eindruck entstehen, dass die Transformation automatisch laufe. „Wir beobachten, dass weiterhin Mythen bestehen, die oft gerechtfertigt sind, was etwa die Kosten oder die Zukunftsfähigkeit der Technologie betrifft“, umreißt der Experte die Thematik. „Dort muss man ansetzen, denn die E-Mobilität, insbesondere bei den Pkw, ist nicht mehr aufzuhalten. Die Fahrzeuge sind gut und die Ladeinfrastruktur ist vorhanden. Deshalb muss das Bewusstsein für die E-Mobilität aufgebaut und Mythen abgebaut werden.“ Österreich verfügt bereits über eines der besten Ladenetze in Europa mit mehr als 38.000 Ladepunkten und beinahe 5.000 Ultraschnelladestationen. Wieser: „Sie sind auch sehr gut verteilt. Nur die Kommunikation in Richtung der Bevölkerung und zu manchen Unternehmen funktioniert noch nicht ganz so gut. Hier kann einiges verbessert werden.“
»Die Mobilitätswende ist ein zentraler Teil der Dekarbonisierung.«
Katharina Seper
Gerhard Meister ortet andere Faktoren, die Kunden noch zögern lassen: „An erster Stelle kommt der Kaufpreis, denn man muss sich ein Elektrofahrzeug leisten können und es fehlen zum Teil noch günstige Angebote“, führt er aus, „An zweiter Stelle folgt das Laden, das ist in den Köpfen der Menschen in Europa tatsächlich ein Thema. Und das, obwohl es bereits möglich ist, eine Batterie innerhalb von zehn Minuten auf rund 80 Prozent aufzuladen. Die Infrastruktur ist dafür aber noch nicht großflächig verfügbar.“ Weitere Gründe für die langsame Transformation sieht Meister bei Investitionen der Industrie, die zur Umstellung der Fahrzeuge nötig sind. Zudem brauche es eine Beschleunigung bei den Lieferketten und bei der Umstellung auf erneuerbare Energien. Der Ausbau der Netzinfrastruktur und die Umstellung auf erneuerbare Energien erforderten Investitionen, die mehr Zeit benötigten als die Umstellungen in der Fahrzeugindustrie. Diese beiden Zeitskalen müssten in Einklang gebracht werden, um die Transformation zur E-Mobilität effektiver zu gestalten.
Entscheidende Impulse für die Mobilitätswende kommen vom Fahrzeugentwickler AVL List. Dem Mythos, dass Elektrofahrzeuge keine lange Lebensdauer durch eine mangelnde Batteriehaltbarkeit hätten, widerspricht Meister: „Mittlerweile wissen wir, dass NMC-Batterien über eine Leistung von rund einer halben Million Kilometer verfügen, bevor sie das 80-Prozent-Limit der Kapazität erreichen. Bei LFP-Batterien sind es mehr als eine Million Kilometer. Haltbarkeit ist also kein Thema mehr.“ Es sei grundsätzlich auch genügend Energie im System vorhanden, um E-Autos zu betreiben, bekräftigt Seper, denn das gesamte Energiesystem und die Netze entwickelten sich laufend weiter. „Früher hatte ein Besitzer eines E-Autos kaum die Möglichkeit, den eigenen Treibstoff herzustellen. Heute haben viele eine PV-Anlage auf dem Dach“, so Seper, „Das gilt auch für Betreiber von Flotten, die ihre Fahrzeuge mit eigener Energie aufladen können.“
»Die E-Mobilität bei Pkw ist nicht mehr aufzuhalten.«
Philipp Wieser
Im Bereich der Recyclingmöglichkeiten seien durch den Einsatz neuer Materialien und den Einsatz von E-Batterien als stationäre Stromspeicher rasante Fortschritte erzielt worden. Das liege an den konkreten Vorgaben. „Das EU-Regularium Battery Directive schreibt vor, wie viel Prozent der Masse einer Batterie wiederverwendet werden müssen. Das sind heute bereits 65 Prozent und es bewegt sich in Richtung hundert Prozent“, erläutert Gerhard Meister von AVL List, „In Zukunft wird genau geregelt sein, welche Anteile von Nickel, Mangan und Kobalt wiederverwertet werden müssen. Der nächste Schritt ist die Regelung des Einsatzes von recycelten Rohstoffen bei der Batterieherstellung. Hier gibt es Versuche, die Kreislaufwirtschaft zu erzwingen, da Europa derzeit über wenige Rohstoffe verfügt. Es gibt aber nicht nur Regularien, sondern auch die dafür nötigen technologischen Lösungen beim Recycling, aber es gibt noch wirtschaftliche Herausforderungen bei den Rahmenbedingungen.“
Nach wie vor halte sich der Glaube, dass die Brandgefahr bei Elektrofahrzeugen hoch sei. „Hier muss man mit Fakten und Studien dagegenhalten, dass die Brandgefahr bei Elektrofahrzeugen wesentlich geringer ist als bei Verbrennern“, unterstreicht Philipp Wieser, „Im Vergleich sind die Verbrenner die gefährlicheren Fahrzeuge.“ Das untermauert Gerhard Meister mit der Forschung bei AVL List: „Brandversuche sind Teil der Entwicklungsarbeit. Hier gibt es Tests, bei denen eine Zelle derart beschädigt wird, dass sie thermisch reagiert. Danach beobachtet man, ob sich der Brand auf weitere Zellen ausbreitet oder stoppt. Das thermische Verhalten der Batterien ist mittlerweile so gut erforscht und durch Simulationsmethoden sowie Versuche abgedeckt, dass Batterien sicher ausgelegt werden können. Es gibt keinen Grund, aus Sicherheitsaspekten die E-Mobilität in Frage zu stellen.“
»Haltbarkeit ist bei Batterien kein Thema mehr.«
Gerhard Meister
Auch das Kostenargument zähle heute nicht mehr. „Die Betriebskosten sind auf die Nutzungsdauer berechnet geringer als bei einem Verbrenner. Damit gleichen sich höhere Anschaffungskosten aus“, ist Katharina Seper überzeugt. Es seien vor allem die Kostenvorurteile, die eine Durchsetzung mit Elektrofahrzeugen in den zum Teil noch schwächelnden Bundesländern erschweren. „Die Zahlen sind in Kärnten und der Steiermark sehr niedrig. Hier darf man die Kostenwahrheit nicht verbergen und muss einfache Vergleichsrechner bereitstellen“, erläutert Wieser. Zum großflächigen Ausrollen der E-Mobilität sind Hilfestellungen nötig, ist auch Meister überzeugt: „Es muss finanziell attraktiv sein und es bedarf starker Incentives bei Firmenwagen, wie in Deutschland.“
Die Durchsetzung mit modernen E-Autos sei ein Lichtblick für die Energienetze. In Zeiten der Stromüberproduktion könne mittels bidirektionalem Laden die Batterie eines E-Autos als Zwischenspeicher genutzt werden, der bei Bedarf Energie in das öffentliche Netz wieder abgibt. Seper sieht die Vorbereitungen dafür auf einem guten Weg: „Österreich hat ein weitverbreitet digitalisiertes Stromnetz, nun geht es um die Einspeisekosten und wie das System attraktiver werden kann. Es muss die Interoperabilität und ein EU-weiter Standard hergestellt werden.“ AVL List engagiert sich ebenfalls in Sachen bidirektionalem Laden. „Da wir beginnend von den E-Antriebssystemen alle Hauptkomponenten eines Fahrzeugs entwickeln, müssen wir uns damit beschäftigen“, berichtet Meister aus der Praxis, „Die Umsetzung ist eine Frage der Standardisierung, an der sich alle Hersteller halten und orientieren können. Und es gibt regulatorische Fragen, die oft trivial klingen, etwa wie der Strom ins Netz kommt und wie er verrechnet wird.“ Bei der Entwicklung kooperiert der Konzern mit vielen internationalen Universitäten: „AVL investiert zehn Prozent des globalen Umsatzes in die Forschung, dementsprechend gibt es Aktivitäten mit vielen Partnern in der Industrie und im akademischen Bereich.“ Philipp Wieser ist optimistisch, was die Zukunft der Elektromobilität betrifft: „Bis zum Jahr 2050 wird der Straßenverkehr dekarbonisiert sein.“
Information
Die Veranstaltung „Science Lounge“ ist eine Kooperation mit der „Presse“ und wurde finanziell unterstützt von AVL List GmbH sowie dem Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur.